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Der Reisepaß : Roman / Bruno Frank
Entstehung
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eignis als Zeuge anzugehören, sondern einfach Trauer. Sie klang aus dem gedämpften Gespräch der Leute in dem Abteil dritter Klasse, sie war sichtbar an der starren Wartehaltung der Menschen auf den Bahnhöfen, die man durchfuhr, sie redete unpathetisch aus den Spalten der Zeitung. Ganz allein vom toten König Georg dem Fünften war hier die Rede. Politik, Sport, Unterhaltung, Geschäft schwiegen völlig. Man fühlte, daß es, genau wie in einem bürgerlichen Trauerhause, in diesen Tagen unmöglich und unan­ständig war, anderes zu betreiben. Sie sahen Tränen­spuren in den Gesichtern der mitreisenden Frauen. Was war das?

Dieser König war kein Mann von besonders glän­zenden Eigenschaften gewesen. Niemand schrieb sie ihm zu. Er selbst tat es nicht. Als Ludwig- es lag acht Jahre zurück- zusammen mit seinem Bruder die­sem gekrönten Verwandten vorgestellt wurde, war sein Eindruck der von etwas Ausgelöschtem, leise Befangenem gewesen. Aber über dem Lande lag das Gefühl eines großen, tiefen, schmerzlichen Verlusts. Was war das?

Die Stadt London schien in eine Starre versunken. In der dunklen Nässe des Winterabends bewegten sich Gefährte und Menschen wie widerwillig unter den erschlafft hängenden schwarzen Fahnen und Tüchern. Widerwillig schloß ihnen in dem Boarding­house nahe Victoria- Station eine schwarzgekleidete Wirtin ein Hofzimmer auf. Es war kaum möglich,

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