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Der Reisepaß : Roman / Bruno Frank
Entstehung
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8.

Ihm war, als habe er ein kostbares, über sein Dasein entscheidendes Geschenk empfangen. Die Weiterfahrt nach Frankfurt verging ihm so unver­merkt wie einem Ehrgeizigen, der in seinen Träumen schwelgt. Was für eine Erlösung, jene Alle gerettet zu wissen. Mochten sie sich unter Opfern an Gesin­nung und Würde gerettet haben, das zu erwägen war nicht seine Sache, er war ihrer ledig, er wünschte ihnen eine glückliche Zukunft. Jetzt erst wagte er sich einzugestehen, wie unausführbar sein Vorhaben noch gestern gewesen. Das ganz Unmögliche hatte er gewollt. Dies war nun anders. Nun ging es um das Leben eines Einzelnen, jenes Nächsten, an dem er hing.

Die Wunden, die ihm die jüngstvergangene Zeit gerissen hatte, sie schmerzten auf einmal nicht mehr. Die verzweifelte Scham war fort, mit der er bei ge­schlossenen Augen immer wieder Rotteck vor sich gesehen hatte verlassen und betrogen über seinen Arbeitstisch gebeugt. Er konnte mit einer Tat be­zahlen. Eine Tat wurde von ihm gefordert, Einsatz seines Lebens zum klaren, fest umrissenen Zweck.

-

Aber als er im Frankfurter Bahnhof seine Tasche niedergelegt hatte, und auf den freien, lebhaften Platz hinaustrat, wurde ihm bewußt, daß er auch zu die­ser begrenzten Unternehmung die Wege nicht kannte. Da stand er in einer großen, ihm völlig fremden Stadt,

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