Einer, der ,, Kronprinz" hieß, sah billig genug aus. Aber auch hier wurde der dürftig anmutende Reisende eher zurückhaltend empfangen. Der Ton veränderte sich erst, und zwar zu fast bestürzter Ergebenheit, als man sein ausländisches Papier in Augenschein nahm. Offenbar hatte sich der deutsche Nationalstolz bereits derart entwickelt, daß auch die bescheidenste Ausländerexistenz ein Gegenstand unterwürfigen Neides war.
Es war noch keineswegs spät. Der Schlaf wollte nicht kommen. Ludwig schlug das Buch auf, mit dem er sich schon auf der Reise beschäftigt hatte. Es war eine einbändige Ausgabe von Gibbons ,, Decline and Fall", zweitausend Seiten auf dünnem Papier. Das Lesezeichen lag beim Kaiser Diocletian und seinen Christenverfolgungen. Aber bald entsank ihm der Band. Vor Gibbons klassisch klaren Bericht schoben sich wüste, stärkere Bilder. Anders als unter diesen Prokonsuln und Präfekten, milden Vollstreckern der kaiserlichen Edikte, ging es zu in den Gefangenenlagern des Dritten Reiches . Was würde er morgen über das Schicksal seiner Gefährten in Erfahrung bringen!
Halb zehn war eine frühe Besuchszeit. Aber er vermochte seine Unruhe nicht länger zu bemeistern. Schon seit einer Stunde marschierte er auf der leeren, verschneiten Wartburg- Chaussee auf und ab.
Die Villa Zednitz, mit Türmchen und Giebelwerk in etwas irriger Gotik erbaut, lag inmitten eines ge
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