aber das Wesentliche ist da. Freilich, manches fehlt auch. Aber es ist ganz gut so. Der deutsche Gelehrte hat immer die Nase zu tief zwischen Pergamenten. Das verstellt einem nur den Blick. Ich bin jetzt freier gewesen. Macht man sich los vom Gängelband der sechshundert Vorläufer, so merkt man erst, was man selber besitzt. Man müßte so eine Geschichte des Portraits niederschreiben können von van Eyck bis van Gogh , ohne ein Buch aufzumachen. Das wär erst das Rechte."
,, Aber die Anschauung? Die Bilder selbst?"
,, Die müssen hier auf der innern Augenlidwand alle zu sehen sein, in Miniaturfresko." Er lachte sonderbar und schloß die Augen. ,, Hier drin ziehen sie alle vorbei, wie Sternbilder," sagte er und bewegte langsam die ausgespreizte Hand vor seiner Stirnfläche her ,,, die Abgeschiedenen alle, blutlebendig als wären sie noch im Licht. Die ruf ich hier an, mein Lieber, an diesem Fenster mit der Aussicht auf all die Wäsche. Eine geduldige Beschwörung. Da langweilt man sich nicht."
Etwas nicht ganz Vernünftiges, Übermäßiges, leicht Unheimliches, war in seinen Reden. Eine trotzige Überheblichkeit, die wehe tat. Der Mann hier, dieser Deutsche, den ein grausamer Schnitt vom Körper seines Volkes abgetrennt hatte, blutete unter seinem Panzer aus unstillbarer Wunde. Alles an seinem Benehmen war anders, als man hätte erwarten sollen. Wenn er reale Umstände streifte, so geschah es
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