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Der Reisepaß : Roman / Bruno Frank
Entstehung
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hinter ihnen nur hastig zusammengeschmierte Kon­junkturdramatik geduldet wurde. Und auf die Abend­zeitung wartete er ebenfalls nicht, da die kommandierte Presse kein wissenswertes Wort enthielt, und er sich auf die ,, Times" angewiesen sah, die nach zweitägiger Reise eintrafen und über die deutschen Geschehnisse in Kleindruck und mit jener Gleichgültigkeit berichte­ten, die sie etwa den Zerwürfnissen in einer südameri­kanischen Radaurepublik zu widmen pflegten.

Leute in Bern, Amsterdam oder Oslo waren über das deutsche ,, Erwachen" immerhin genauer unter­richtet als er. Er wußte das Allgemeinste.

Daß die volksbefreiende Partei ihre soziale Tätig­keit damit begann, den Arbeitern ihre in den Gewerk­schaftskassen gesammelten Sparmillionen zu stehlen, erfuhr er als schlichte Tatsache.

Daß den gesetzlichen Strafrichtern, zu so viel Rechtsbeugung sie auch zitternd erbötig waren, viel­fach ihre Funktion abgenommen wurde, erfuhr er. Aber kaum Einzelheiten über die Todesurteile und todbedeutenden Zuchthausstrafen, die ohne An­hörung von Zeugen oder Verteidigern das eingesetz­te Parteigericht verhängte.

Daß selbst ohne solche Komödie in Polizeihäusern und Konzentrationslagern Zehntausende zusammen­gepfercht, durch Schmutz, Hitze und Hunger erledigt, Hunderte zerprügelt, erstickt, zu Tode gefoltert wurden, erreichte ihn als Gerücht; aber wie konnte man den Glauben daran festhalten in dieser Millionen­

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