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Im Ablauf der großen Französischen Revolution war der 10. August 1792 der eigentlich entscheidende Tag. Die Tuilerien wurden erstürmt, auf ihrer Treppe und in ihren Höfen fielen siebenhundert Mann der Garde und elfhundert Revolutionäre. Der König flüchtete sich und seine Familie in den Saal der Nationalversammlung. Nach einem runden Jahrtausend der Feudal- und Königsherrschaft war dieser 10. August der Geburtstag der Republik .
Jedoch ein paar Straßen abseits vom Schloß war alles wie immer. Die Kaufläden waren geöffnet, in den Restaurants wurde gespeist, in allen Spielhäusern amüsierte man sich, zur gewohnten Stunde wurden an den Theatern die Lampen angezündet, und die Leute warteten seelenruhig auf die Abendzeitung, um zu erfahren, was die Schießerei dort im Zentrum zu bedeuten gehabt habe.
So brauchte auch ein junger, wohlsituierter Mann, der sich im Sommer 1933 im Westen von Berlin einmietete, von den Ereignissen nicht viel wahrzunehmen. Von den geöffneten Restaurants allerdings besuchte er nur ein kleines, abgelegenes, in seiner unmittelbaren Nähe, denn in den anspruchsvolleren der Stadtmitte und des Westens machte sich der Troẞ der Volksbefreier breit, sodaß der Aufenthalt sich verbot. Die Theaterrampen erhellten sich weder für ihn noch für sonst einen Menschen von Anspruch, da
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