Druckschrift 
Der Reisepaß : Roman / Bruno Frank
Entstehung
Einzelbild herunterladen

licher Zwischenfall- möglich oder beinahe gewiß. Dergleichen zu überblicken, war der Moment nicht gekommen, am wenigsten für einen Studierenden der Kunstwissenschaft an einer kleinen Universität. Er spürte nur den Gestank. Als Knabe einmal, auf einem Spaziergang mit Steiger zur Camburg , hatte er im Wald einen großen Stein umgedreht, der überwach­sen war von tauschimmerndem, smaragdenem Moos. Ein muffiges Loch wurde sichtbar, darin Geziefer wimmelte, ekelerregende Würmer und Asseln. Fas­sungslos hatte er auf die widerliche Offenbarung hin­untergestarrt. Das fiel ihm jetzt ein. Was er täglich um sich und unter sich sah, war ein kriechender Wett­lauf der Feigheit, der schleimigen Unterwürfigkeit, war die zuckende Gier, nur ja um Lebens- und Ster­benswillen jedes Opfer an Anstand und Vernunft zu bringen, um vielleicht noch Gnade zu finden. Jeder bespitzelte Jeden. Wenn der Geheimrat Johannes Rotteck in der Universität die Korridore entlang­schritt, öffneten sich links und rechts vor ihm die Türen und verschluckten Dozenten und Studierende, die Angst hatten, ihn zu grüßen.

Der Rektor der Hochschule, Herr Zeilbecker, Mathematiker seinem Fach nach, mausartig von An­sehen und klug, bat den Geheimrat zu sich und legte ihm eine Unterbrechung seiner Vorlesungen nahe. ,, Sie sehen ja selbst, wie es steht. Statt dreihundert Hörer hatten Sie fünfzig das letzte Mal. Jeden Tag kann Irreparables passieren."

66