Im 19. Jahrhundert hatte das nahe verwandte Co
burg nacheinander seine Söhne auf die Throne von Belgien, England, Portugal und Bulgarien entsandt. Doktor Steiger sprach selten davon. Doch er dachte daran. Vielleicht war er eifersüchtig auf Coburg .
Denn das Haus, dem er diente, schien ihm zu solcher Rolle weit glänzender bestimmt. Die Camburger, obwohl Herren über eine vorwiegend protestantische Bevölkerung, waren vor zweihundert Jahren zur alten Kirche zurückgekehrt- aus Gründen irgendeiner Erbteilung. Ihr Katholizismus war ziemlich äußerlich geblieben, Herzog Philipp zum Beispiel war religiös ganz indifferent. Aber als eine der wenig zahlreichen katholischen Fürstenfamilien hatte man sich durch Heirat mit Habsburg verknüpft, mit Sicilien, mit Savoyen. Andererseits bestand, seit der Reformationszeit, Verwandtschaft mit Schweden und den holländischen Oraniern.
Mit Rührung blickte Steiger auf seinen jungen Prinzen, dies zarte Gefäß für jedes erlauchte europäische Blut. Der Umgang mit ihm wurde ihm niemals zur Selbstverständlichkeit. Unter der bräunlichen Haut seiner Schläfen sah er in seinen Adern das Blut klopfen, und es war das von Maria Theresia und von Wilhelm dem Schweigenden.
Häufig richtete er die gemeinsamen Spaziergänge nach dem unweit gelegenen Stammschloß. Es stand nur noch ein einziger Turm von der Camburg , ein uralt rohes Gemäuer, das man neuerdings leider wie
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