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Ludwig Prinz von Sachsen- Camburg war nicht ganz zehn Jahre alt, als sein Vater, der regierende Herzog, zugleich mit all den anderen deutschen Herzögen, Großherzögen und Königen, von seinem Throne glitt. Ludwig erinnerte sich lange genau an den Tag. Er stand mit seinem um drei Jahre älteren Bruder August und dem Hauslehrer auf einem Seitenbalkon des Residenzschlosses, als um elf Uhr morgens die angekündigte Delegation der neuen republikanischen Regierung erschien. Sie kam zu Fuß. Es waren drei Herren im Zylinder, mit dunklen Überziehern, zwei von ihnen schlank und auffallend groß, der in ihrer Mitte untersetzt. Sie verschwanden im Mittelportal.
Der Hauslehrer forderte die Prinzen auf, in's Zimmer zurückzukehren, denn der Novembertag war unfreundlich. Aber Ludwig erklärte, er müsse die Abordnung bei ihrem Rückzug noch einmal sehen, und blieb allein auf dem Balkon zurück. Er hatte auch nicht lange zu warten. Nach kaum zehn Minuten war der Staatsakt vorbei. Die drei Herren wandelten genierten Schrittes wieder über den menschenleeren Schloßplatz. Dann blieben sie stehen. Der in der Mitte tastete in seiner Mappe umher, als fürchte er, etwas verloren oder vergessen zu haben, nahm dann ein Papier hervor, entfaltete es, und alle drei steckten die Köpfe zusammen und blickten hinein. Es war
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