und dürftig, als ein hausmausartiges Wesen, offenbar älter als er.
,, Na?" fragte sie kauend.
,, Wieder so ein Jud, ein verdächtiger." Und er las vor: ,, Ludwig Camburg, geboren 1908, Kunstgelehrter. Das kennt man."
Er kannte das in der Tat. Der Übertritt aus dem deutschen Reichsgebiet war hier an der Erzgebirgsgrenze nicht leicht zu kontrollieren, und so sickerten Flüchtende, einzeln oder in kleinen Trupps, unausgesetzt herüber in das Gebiet der Nachbarrepublik, wo sie der Schutz einer verständigen und menschlichen Regierung erwartete. Die Arkaden um diesen Marktplatz hatten schon manchen Erlösungsseufzer gehört. Aber die deutschsprechende Grenzbevölkerung hier in der Gegend, wirtschaftlich leidend und von Agitatoren hitzig bearbeitet, war voll unklarer Sympathie mit den Zuständen im Reiche. Dort blühte ganz zweifellos das Paradies. Der Wirt zum ,, Morgenstern" war selber einmal in eine ziemlich finstre Affaire verwickelt gewesen, bei der zwei sehr forsche Herren in Sportanzügen einen weniger forschen, der sogar etwas betäubt erschien, morgens um drei in einen feinen Mercedeswagen zu ziehen bestrebt waren, genau hier vor seinem Etablissement unter den Arkaden. Niemand konnte damit rechnen, daß morgens um drei gerade an dieser Stelle zwei tschechische Polizisten auftauchen würden.
Der ,, Morgenstern" war damals acht Wochen lang
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