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"Häftling ... X ... in der Hölle auf Erden!" / Udo Dietmar
Entstehung
Seite
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Jetzt konnte ich den neben mir kauernden Kameraden betrachten, dem ich vorhin beinahe auf den Kopf gesprungen wäre. Er hatte während des schwe- ren Flakfeuers und des Bombeneinschlages gezittert und dabei Gebete ge- murmelt. Ich konnte seine Furcht verstehen, denn ich hatte selbst schon sieben schwere Großangriffe erlebt und war dabei einmal durch einen un- mittelbar neben mir erfolgten Einschlag verschüttet worden, so daß ich einen Nervenschock davontrug. Dem Aussehen und dem Alter nach hätte dieser Kamerad mein Vater sein können.

Ich versuchte ihn zu beruhigen, ihm die Nichtigkeit unseres Lebens klarzu- machen, sagte ihm, daß wir als nüchtern denkende Menschen ruhig und ge- lassen dem Tode ins Auge blicken müßten und uns darum doch nach über- standener Gefahr wieder an der Reinheit des Lebens freuen könnten. Wenn die Furcht tatsächlich zum großen Teil auch Nervensache sei, so müsse der klare und harte Wille doch bestimmend sein, falls man überhaupt noch soviel Willenskraft besige. Bei diesen Worten wurde er ruhiger und schaute mich mit großen Augen fragend an.

Aber schon sette das Flakfeuer mit aller Heftigkeit wieder ein, denn aber- mals näherte sich ein großer Bomberpulk unserem Lager. Aus allen Batterien krachte es von neuem. An den kleinen Sprengwölkchen sahen wir, daß das konzentrische Flakfeuer inmitten der Bomber lag. Das dauerte so einige Sekunden, dann ein Fauchen und Wirbeln mit einem Donnergetöse, als wenn die ganze Hölle los wäre. Diesmal schlug eine ungeheure Bombenlast ziemlich dicht hinter dem Lager ein, so daß der Luftdruck die nächste Um- gebung zum Schaukeln brachte. Das Flakfeuer verstummte fast völlig; nur hin und wieder bellte noch vereinzelt ein Geschüt, bis schließlich gänzliche Stille eintrat. Während dieser kurzen, gefahrvollen Zeitspanne hielt der Alte mein Handgelenk krampfhaft fest, aber er war ruhiger.

An seinem Winkel und seiner Nummer sah ich, daß er politischer deutscher Häftling und schon mehrere Jahre in Dachau war. Mich interessierte sein

Beruf, und schon um ihn abzulenken, fragte ich danach.

Er war protestantischer Geistlicher, verheiratet und hatte drei Söhne. Einer von ihnen war ebenfalls Pfarrer, die anderen hatten die Offizierslaufbahn er- wählt. Alle drei befanden sich an verschiedenen Fronten im Felde.

» Und Du, Vater, sagte ich zu ihm,bist hier im Konzentra- tionslager. Traurig, komisch!

O nein, nicht komisch, sagte*r,traurig schon eher, das lasse ich gelten. eakrie für meine Familie. Aber wenn schon wahr, dann auch ganz wahr. Ein Heuchler wollte ich nicht werden, meine Gesinnung für ein Stück Brot verkaufen. Meine ganze Schuld, wenn ich auch meinen Beruf darum auf- geben mußte, war, daß ich nicht heucheln konnte. Man hat mich eingesperrt, weil ich meine Predigten christlich frei gestaltete und vor der Gemeinde in der Kirche nicht für Hitler beten wollte.

Das Entwarnungssignal ertönte, und wir verließen den Graben: Ich sagte ihm, daß mich sein Schicksal interessierte. Wenn er sich mit mir darüber aussprechen wollte, wäre mir eine Verabredung sehr angenehm.

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