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"Häftling ... X ... in der Hölle auf Erden!" / Udo Dietmar
Entstehung
Seite
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Wie ich so vor ihnen stand, kam mir ein Abend in Erinnerung, an dem ich mit dıesen Kameraden, damals noch auf einem Außenkomu.ando, in einem anderen Lager zusamnıen war. Seinerzeit ging es etwas besser. Der Körper hatte noch einige Kraftreserven, der Gesundheitszustand war längst nicht so ramponiert wie heute. Damals mochten wir noch hin und wieder singen. Wenn wir unter uns waren, stieg schon mal eines unserer Lieder, aus denen uns stets neue Kraft zuströmte,

In einem von ihnen hieß es:

Wir sind Kameraden und tragen das gestreifte Kleid, Wir sind Kameraden, allzeit zur Tat bereit,

In Sonne und in Regen, in Schnee und Sturmgebraus, Da stehen wir verwegen und halten mutig dus.

Und die Worte des legten Verses:

... dann werden wir marschieren, Es kommt die neue Zeit! Dann findet die Heimat uns wieder bereit!

Ich erinnerte sie an den Abend, an jenes Lied, in dem wir unserer Über- zeugung, unserer Hoffnung Ausdruck gaben.

Die Verwegenheit war längst dahin. Unsere Körper waren durch Hunger und schwere Arbeit längst entkräftet. Wir waren abgestumpft. Aber unser Glaube war derselbe geblieben, den hatte man uns nicht nehmen können, denn er basierte auf der unerschütterlichen Gewißheit, daß der Tag der Freiheit nahe war und kommen würde, mit oder ohne uns.

Wir haben uns geschworen, diesen Glauben an den Sieg der Gerechtigkeit und Wahrheit weiterzutragen und neue Träger hierfür zu finden, die ihn weitergeben, wenn wir selbst das Ziel nicht erreichen sollten. Wir verab- schiedeten uns mit einem festen Händedruck, der beredter war denn tau- send Worte.

Tag um Tag schleicht dahin. Der Herbst ist bald zu Ende, der Winter nimmt seinen Anfang.

Regen mit Schnee vermengt rieselt hernieder. Aufgeweicht der Boden, auf- geweicht die Kleidung des Häftlings, der fiebernd und zähneklappernd mit eingezogenem Kopf im Marschtritt in seiner Kolonne vom Arbeitsplatz dem Lager zu marschiert. Bis auf die Haut durchnäßt, mit leerem Magen, steht er auf dem Appellplap.

Der Regen peitscht. Der eisige Wind, von den bayrischen Bergen und der Alpenwelt kommend, pfeift dureh die dünnen, nassen Lumpen. Mit schlot- ternden Knien steht er und wartet auf den BefehlAbmarschieren!. Bis dann nach endlos lang erscheinender Zeit das erlösende Wort erschallt. Dar- aufhin set sich Block für Block, Zug um Zug in Bewegung, um an dem

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