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"Häftling ... X ... in der Hölle auf Erden!" / Udo Dietmar
Entstehung
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ungeschälte Kartoffeln. Von Fett war in diesem Essen nichts zu sehen, geschweige denn von Fleisch. Später hatte ich jedoch hin und wieder das Glück, einige Fleischfasern in der Suppe vorzufinden, welche wohl weniger der Nahrung, als der Bestätigung des Küchenzettels dienen sollten, auf dem , Weißkohl mit Rindfleisch" zu lesen stand.

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Aber das alles war damals ja noch gut. Ich sollte später anderes kennen­lernen.-

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Am gleichen Nachmittag wurde mir noch eine Überraschung zuteil. Ich hörte meinen Namen rufen und lief zu dem Blockältesten, der mir einen von den ,, alten" Häftlingen vorstellte.

Wir musterten uns eine Weile, bis in seine Züge die Freude des Erkennens kam. Ich wußte immer noch nicht, wohin ich ihn tun sollte, wenn mir auch sein Gesicht irgendwie bekannt vorkam. Er sah das Suchen und Nachdenken in meinen Blicken und lächelte schließlich mit einem Anflug von Schmerz und Resignation:

,, Mensch, alter Junge, kennst Du mich nicht mehr?"

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Beim Klang seiner Stimme erkannte ich ihn. Er war ein alter Freund aus meiner Heimat, den die Nazis im Jahre 1933 seiner politischen Einstellung wegen ins Zuchthaus sperrten, und der seitdem als verschollen galt. Ich hätte ihn nie wiedererkannt, denn der, der vor mir stand, war nicht der Mensch von einst, sondern nur sein Schatten, sein Wrack. Eine Welt von Leid und Schmerz sprach aus diesen Zügen. Sein Haupt früher volle blonde Haare war nur noch dürftig mit einigen grauen Haarsträhnen bedeckt. Er, dessen sportlicher, gesundheitsstrotzender Körper früher manch­mal meinen Neid erregt hatte, stand vor mir wie ein alter Mann von sech­zig Jahren, der sein Leben lang Lastern gefrönt hat. Er, der Mensch, der hohe Ideale besaß, für sie gekämpft und gelitten hatte, zu dem ich auf­schaute seiner reinen und klaren Gedanken wegen, mußte, weil er unbestech­lich blieb, in Gefangenschaft leben und schon unaussprechliches Leid hinter sich haben!

Die Begegnung erschütterte mich derart, daß ich zunächst nichts sagen konnte. Ich mußte mich erst fassen. Er half mir dabei, indem er sagte: ,, Junge, ich glaube schon, daß Du mich schlecht wiedererkennst, aber ich bin es. Das haben sie aus mir gemacht, aber glaube mir, ich bin der Alte geblieben. Meinen Körper haben sie ruinieren können, der ist soweit dahin, aber das hier nicht!", er schlug dabei an seine Brust.

Er war Kommunist und, bevor die Nazis in Deutschland regierten, politischer Funktionär.

Das letzte Mal sahen wir uns in einem Straflager im Emsländer Moor. Er war mir, dem Jüngeren und Unerfahreneren, ein geistiger Führer durch die Ideenwelt der Menschheit. Sein immerwährender Glaube an das Gute, sein Haß gegen alles Unreine und Schlechte, sein Lebenswandel, in dem sich sein Gedankengut in kristallener Form verkörperte, hatten mir Achtung vor diesem Menschen und dem, was ihn formte, abgerungen. Er war für mich der natürliche Mensch, der alle menschlichen Schwächen mit menschlicher

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