‘waren. Es war nicht ein Stückchen Brot mehr vorhanden, und _ die Frauen sahen sich schon verhungern. Es kostete uns paar
deutschen Jüdinnen große Mühe, die aufgeregten Frauen zu
Ri. beruhigen, doch auch das gelang. Als am späten Abend unsere
neuen Wachmannschaften kamen, mußten wir noch die ganze Nacht für sie kochen; von ihnen erfuhren wir auch, nachdem der auf dem Gut in großen Mengen vorhandene Alkohol die
an der Brahe gebracht werden sollten, um dort im Zuchthaus die Nacht zu verbringen. Dort bekam die Wache von dem SD. neue Instruktionen für den Weitertransport.
Am Morgen ging dann der beschwerliche Marsch Richtung Koronowo los. Die Wachmannschaften ließen uns gewähren, als wir von den verlassenen Gütern Wagen und Pferde requirier-
‘ten, um diejenigen, die nicht mehr laufen konnten, aufzuladen.
Gegen 7 Uhr abends kamen wir im Zuchthaus an. Dort bekamen wir noch warme Suppe und Brot, und die Beamten, vielfach Polen , waren sehr nett zu uns. Einer, der wußte, was mit uns geschehen sollte, erzählte meiner Tochter, daß wir am Morgen von der Konitzer SS abgeholt und im Walde bei Konitz erschossen werden sollten. Die ganze Nacht über schlief er nicht, sondern saß mit noch einigen Beamten mit meiner Tochter zusammen, und sie überlegten, wie man unsere 997 Frauen(die anderen waren ja schon fortgelaufen) retten konnte. Aber ein anderer griff ein. Um 5 Uhr früh begann eine heftige Schießerei, einige Bomben fielen, und um 8.47 Uhr öffneten die Russen die Tore unseres Gefängnisses; wir waren frei. Etwa 20 Kranke brachten wir in das städtische Kranken- haus, und die übrigen fanden Wohnung in den von Deutschen verlassenen Häusern.
Meine Tochter wurde gleich als Feldscher im Spital des Zucht- hauses eingestellt, das nun ein Gefangenlager für Deutsche und eingedeutschte Polen wurde. Wir blieben bis zum Ende des Jahres 1945 in Polen , doch die Sehnsucht nach den Ange- hörigen und das Heimweh trieben uns zurück.
Am 2. Januar trafen wir in Berlin ein; hier begann ich gleich ‚mit meinen Aufzeichnungen, um dem deutschen Volk einen kleinen Aufklärungsbeitrag zu geben.
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