,, Das Lager muß geräumt werden, wir gehen weiter ins Reich hinein", so lautete die Parole, die vom Kommandanten beim Abendappell herausgegeben wurde. Am nächsten Morgen, mußten alle früh antreten, Proviant wurde verteilt. Die meisten Frauen hatten sich schon aus Papiersäcken oder anderen Lumpen Umhängebeutel oder Rucksäcke gemacht, in denen man den Wegproviant und die paar Habseligkeiten unterbrachte.
,, Der SD. holt die Frauen, die nicht laufen können, und die Insassen des Reviers mit Wagen ab", sagte der Kommandant. Zehn Wachposten blieben bei diesen Frauen im Lager zurück. Wir wußten, was das bedeutete, denn wir kannten die litauischen Mordbuben. Wir warnten die Frauen und sagten leise zu jeder: ,, Meldet euch, daß ihr laufen könnt, es geht um euer Leben." Es gelang uns noch, einen kleinen Teil der Frauen, die sich vorher marschunfähig gemeldet hatten, mitzunehmen. Traurigen Herzens ließen wir etwa 183 Frauen und Kinder im Lager zurück.
Durch Eis und Schnee ging's fort. Wir ahnten die Schwere des kommenden Weges, kannten wir doch die Methoden der SS, hatten doch einige von uns den Geheimbefehl vom Stutthof gesehen, in dem geschrieben war: ,, Es muß dafür Sorge getragen werden, daß beim Näherrücken der Front kein Häftling lebend in die Hände der Feinde fällt."
Der alte Kommandant Wilhelm Anton, irgendwo in der Nähe von Berlin beheimatet, sagte zu mir, als wir ausmarschierten: ,, Sage den Frauen, daß sie unter keinen Umständen im Lager bleiben sollen, und mache jede darauf aufmerksam, nur ja weiterzulaufen." Die Kräftigeren nahmen die Schwächeren zwischen sich, damit keine zurückbleiben sollte. Kaum waren die letzten Frauen etwa hundert Meter vom Lager entfernt, als wir schon das grausame Knattern der Maschinengewehre hörten. Es war so, wie wir gefürchtet hatten, der SD. brauchte nur noch Leichen abzuholen. Kein Wort wurde bei uns gesprochen. Allen wurden die Herzen schwerer. Wer wird der Nächste sein? war die bange Frage, die sich jede vorlegte. Schwerer und schwerer wurde der Weg, denn wir mußten uns durch verschneite Wälder durch
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