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Sadismus oder Wahnsinn : Erlebnisse in den deutschen Konzentrationslagern im Osten / Jeanette Wolff
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Das Betreten des Terrains um die Wachbaracken wurde am nächsten Morgen beim Appell verboten.

Beim Betreten des abgesteckten Gebietes sollte gleich scharf geschossen werden. Wir dachten erst, es sei darum, um zu verhindern, daß Mädel aus dem Lager in die Wachbaracken geholt wurden. Später klärte sich die Sache auf. Ärzte kamen ins Lager und gingen in die Wachbaracken. Später flüsterte man überall im Lager, es sei bei der Wache Flecktyphus aus­gebrochen. Vom Stutthof aus kam auch eine Ärztekommission, die alle Frauen untersuchte, da die Wachposten behaupteten, von den Frauen mit Typhus infiziert worden zu sein. Alle waren niedergeschmettert, denn wir wußten, wurde ein Fall entdeckt, legte man das ganze Lager um. Trotz sorgfältigster Untersuchung konnte jedoch nichts gefunden werden; der Kelch war noch einmal an uns vorübergegangen.

Einige Tage später waren zwei geistesgestörte Mädel dem Lager entlaufen und nicht wieder aufzufinden. Der Befehl des Kommandanten lautete, daß 100 Frauen als Geiseln zum Stutt­hof zurück müßten, wenn die beiden nicht gefunden würden. Jeder von uns dachte doch nur mit Schrecken an ein Zurück­kehren in diese Hölle, wußten wir doch, daß wir dann Tod­geweihte waren. Deshalb beteiligten sich viele Frauen an der Suche nach den Verschwundenen. Man fand sie schlafend in einer Grube im Walde, etwa acht Kilometer vom Lager ent­fernt. Sie hatten sich die Grube selbst ausgeworfen, sich dann mit dem Spaten jede eine tiefe Schädelwunde beigebracht, sich in ihre Decken eingerollt und in die Grube gelegt, um zu sterben. Wie traurig muß es um die Gemütsverfassung eines 17jährigen Mädels aus einer ungarischen Juristenfamilie aus­gesehen haben, bis solch intelligentes Menschenkind, das fünf Sprachen perfekt beherrschte, dem Wahnsinn zum Opfer fiel? Beide Mädel waren total verlaust, sie wollten sich nicht mehr waschen, nur sterben wollten sie. Wir waren einige So­zialistinnen im Lager und einige Jugendliche, die durch die Jugendbewegung gegangen waren, wir hatten genug zu tun, um dieser geistigen Infektion ein Gegengewicht zu geben. Wir hatten sehr viele gute Künstlerinnen im Lager und ver­anlaßten diese, sich in den Zelten vor ihren Kameradinnen zu

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