Ritzen der Sperrholzplatten, aus denen die Zelte zusammen- gesetzt waren. Oft war das Innere der Zelte eine große Wasserlache, da ja kein Fußboden vorhanden war. Die Frauen schritten zur Selbsthilfe. Sie gruben etwa einen Meter breite und anderthalb Meter tiefe Gräben um jedes Zelt und häuften die ausgeworfene Erde an den Außenwänden auf. Dann deckten sie die Zeltdächer mit Moos und umflochten alle Zelte mit Tannengrün, damit die Feuchtigkeit und der Frost etwas abgehalten wurden. Als der Winter fortschritt und es noch kälter wurde, mehrten sich die Erkrankungen. Blasen- und Nieren- sowie Unterleibserkrankungen kamen hinzu. Keine Krankheit konnte man ausheilen, da jeder sich beim nächtlichen Gang zur Latrine aufs neue erkältete. Manche Kranke kamen gar nicht mehr bis zur Latrine; allmorgendlich mußten die Wege von menschlichen Exkrementen gereinigt werden. Wir taten wirklich alles, was in unseren Kräften stand. Kam eine SS-Kommission‘ vom Stutthof , fand sie ein sauberes Lager, dessen Prozentsatz an arbeitenden Kräften bedeutend höher war als in allen anderen Außenlagern. Doch es sah nur so aus. Alles wurde zur Arbeit geschickt, ob mit Erfrierungen, Dysenterie, mit Phlegmonen, mit Eiterungen, bis Herz- oder Körperschwäche eintrat und der Betroffene sich zum Sterben hinlegte.— Hier muß ich einfügen, daß unser .Lager zum größten Teil aus ungarischen Frauen bestand, die von Auschwitz nach Stutthof gekommen waren. Von den 1700 Frauen waren 1500 Ungarinnen, der Rest’ aus der Tsche- :chei, aus Polen und Litauen und nur 36 aus Deutschland . Erst später, nachdem wir für 40 schwerkranke Frauen‘40 Ersatz- frauen aus Stutthof bekamen, waren wir 50 Frauen aus Deutschland . Warum nur so wenig Frauen aus Deutschland ? Es war ein Prinzip der SS, nur ausländische Frauen zu Arbeits- kommandos ins Reich zu schicken, sie wollten verhindern, daß sie mit der Bevölkerung Fühlung nahmen.
Diese ungarischen Frauen waren schon in sehr sonderbarer geistiger Verfassung aus Auschwitz gekommen. Alle trugen ihre Häftlingsnummer im linken Unterarm eintätowiert, - Viele dieser meist blendend schönen Ungarinnen hatten jeden Lebenswillen verloren. Sie wollten sich nicht mehr waschen
53


