Druckschrift 
Sadismus oder Wahnsinn : Erlebnisse in den deutschen Konzentrationslagern im Osten / Jeanette Wolff
Entstehung
Seite
50
Einzelbild herunterladen
  

toffeln. Inzwischen war etwas Stroh in jedes Zelt gebracht worden, und nach dem Essen gingen alle zur Ruhe. Es war Spätsommer und noch warm, also das Leben in Zelten noch auszuhalten. Am nächsten Morgen wurden Arbeitskolonnen zusammengestellt, und mit geschultertem Spaten ging's hinaus zur Schanzarbeit, von bewaffneten SS- Posten begleitet. Das Leben war erträglich. Der Kommandant, der zum ersten Male ein Lager führte und keine Ahnung von allem hatte, war auf unsere Kenntnisse angewiesen. Nur mit den Posten war es schwer. Der litauische Wachführer, ein SS- Hauptscharführer, sagte zu uns, er habe in Kowno und Schaulen bis an die Hüften in Judenblut gewaten, und wir sollten uns vor ihm hüten.

Das Leben ging seinen Gang. Wir bekamen unsere Suppe und unser Brot und fast täglich 28 g Margarine oder Marmelade, so daß wir trotz schwerer Arbeit immer hoffnungsvoller wurden. Fast jeden Tag kamen Trupps von Wehrmachtsoldaten durch unser Lager. Sie sprachen mit uns und ließen sich erzählen, was wir mitgemacht hatten. Sie waren ganz entsetzt und sagten uns, daß von all dem die deutsche Bevölkerung nichts wüßte. Als die Soldaten sahen, daß die litauischen Posten beim Essenempfang und auch sonst die Frauen schlugen und anschrien, verboten sie ihnen eine solche Behandlung. Die Litauer fluchten und schlugen weiter. Auch ich habe in den ersten Tagen einen Kolbenschlag auf die linke Hüfte be­kommen, das Bein ist heute noch nicht in Ordnung.

Nach ungefähr drei Wochen waren an dieser Stelle die Arbeiten vollendet, und wir zogén weiter. Nach einem etwa zehnstündigen Marsch kamen wir in ein Barackenlager bei Schlüsselmühle. Dieses Lager war vorher ein russisches Gefangenlager gewesen, jetzt wurde es getrennt, die eine Seite für uns, die andere für die Russen, die durch Stacheldraht von uns getrennt waren und von Wehrmachtsoldaten bewacht wurden. Unsere Wachen begannen nun zu trinken, da eine Stadt in der Nähe war, wo Alkohol zu bekommen war. An manchem Abend wurde getrunken und geschossen, und auch unser Kommandant begann zu trinken. Inzwischen kam zur Beaufsichtigung des Lagers ein alter Hauptmann der Wehr­macht , der zwar bemüht war, den Lagerinsassen gerecht zu

W

u

L

St

d

S

A

e

I

S

S

I

N

6

50