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Sadismus oder Wahnsinn : Erlebnisse in den deutschen Konzentrationslagern im Osten / Jeanette Wolff
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Um 4 Uhr morgens war Appell. Zum Waschen war keine Zeit. Innerhalb drei Minuten mußte der Appell stehen. Ohne Schläge ging es nicht ab.

Ein Häftling, namens Max Mosulf, der Henker vom Stutthof , hatte die Aufsicht über die Baracken der jüdischen Frauen. Er prügelte uns buchstäblich aus den Kojen heraus, hohn­lachend und freudestrahlend, wenn seine Hiebe besonders gut gesessen hatten. Der Eingang der Baracke war außerordentlich schmal. 900 Frauen drängten heraus, teils aus Angst vor den Schlägen von M., teils aus Sorge, zu spät zum Appell zu kommen. In dieses Menschengedränge schlugen nun die beiden Blockältesten Sch. und L. noch mit ihren Koppel­riemen oder Stöcken ein, bis die Frauen schließlich durch die Barackenfenster hinaussprangen. Deutsche Jüdinnen waren diesen drei Spießgesellen besonders verhaẞt. Nach dem Appell, der oft stundenlang dauerte, gab es Kaffee und ein Stück Brot. In Zweierreihen mußten wir antreten, und je zwei erhielten zusammen eine Schüssel Kaffee. Beim Kaffee­holen gab es wieder Schläge, und wenn sich eine Frau aus Angst vor den Schlägen ungeschickt anstellte, wurde sie mit dem heißen Kaffee übergossen. Kaum hatte man ein Plätzchen gefunden, um in Ruhe sein Brot zu essen, hieß es schon wieder: ,, Heraus, Appell stehen!" Appell stehen in glühender Sonne, ausrichten, unbeweglich stehen, nicht seine Notdurft verrichten können, denn die Toiletten waren am Tage ver­schlossen, so standen wir bis Mittag. Manche, die es nicht mehr aushielten, im glühenden Sonnenbrand zu stehen, setzten sich innerhalb der Zehnerreihen mal auf einen Moment, andere fielen ohnmächtig um. Mittags mußten wir uns wieder zu zweit aufstellen und erhielten wieder zu zweit eine Schüssel mit ungefähr einem Liter Suppe. Zumeist war es Kraut oder Grütze. Die Suppe war nicht so schlecht, es hätte nur mehr sein müssen, und man hätte uns Zeit zum Essen geben sollen. Kaum hatte man ein Plätzchen zum Essén ge­funden und sich niedergelassen, da klatschte das Koppel schon wieder über Köpfe und Rücken. Erneut prügelte man uns heraus. Das waren die ersten Tage. Für uns, die wir ge­wohnt waren, den ganzen Tag zu arbeiten, war dieses stunden­

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