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Sadismus oder Wahnsinn : Erlebnisse in den deutschen Konzentrationslagern im Osten / Jeanette Wolff
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Wir fuhren vier Tage auf dem Dampfer, aufeinandergepfercht wie die Heringe, im Herzen die bange Frage: Was wird nun kommen? Man hatte uns zwar im Mühlgraben gesagt, daß wir mit unseren Männern gemeinsam zur Arbeit nach Deutschland geschickt würden, aber die SS hatte uns schon so oft belogen. Endlich fuhren wir in die Danziger Bucht ein, wo wir aus- geladen wurden. Jetzt würden wir endlich unsere Männer sehen, die auf der Fahrt, ebenso von SS bewacht wie wir, in einem anderen Teil des Schiffes gelegen hatten. Auf einer großen Wiese durften wir uns hinlegen, rechts die Frauen, links\die Männer, selbstverständlich wieder bewacht von SS , die durch Püffe und Schläge jegliche Annäherung verhindern sollte. Trotz allem fand man ein paar Sekunden, ein liebes Wort auszutauschen, einen Trost auszusprechen. Unsere Män- ner sahen in der Sträflingstracht entsetzlich aus mit den flachen, schirmlosen weißblauen Mützen.

Abtransport zum Vernichtungslager Stutthof bei Danzig

Man verteilte den Rest der vom Lager mitgenommenen Ver- pflegung, und dann wurden wir in geschlossene Schleppkähne

verladen, die sonst für Kohlen, Kalk, Zement oder Steine ge- braucht wurden. Dieses Verladen bedeutete eine unsägliche Grausamkeit: Die Luken wurden geöffnet, die SS trieb uns in die Kähne hinein, zwei bis drei Meter tief in den Laderaum, ohne Licht und ohne Luft. Viele sind bei dem schrecklichen Antreiben zur Eile von den Leitern gefallen, und alles spielte sich ohne einen Laut ab, denn beim geringsten Wort gab's gleich Schläge von der SS. Die Kähne wurden so voll ge- pfropft, daß man kaum stehen konnte. Es war Juli und zum Ersticken heiß. So fuhren wir ohne Licht und Luft vom Abend bis zum frühen Morgen. Später hörten wir, daß es den Männern noch schlimmer ergangen war. Mehr tot als lebendig kamen wir an. SS empfing uns mit Geschrei und Schlägen, und dann gings nach Stutthof , ein Weg von etwa zehn Kilo- meter. Als wir deutschen Juden die sauberen Häuschen in den kleinen Orten um Danzig sahen, glimmte schon wieder

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