Druckschrift 
Sadismus oder Wahnsinn : Erlebnisse in den deutschen Konzentrationslagern im Osten / Jeanette Wolff
Entstehung
Seite
39
Einzelbild herunterladen

kamen die Frauen an die Reihe. Ich gehörte zu denen, die nicht mit aufgerufen waren. Mein Mann war dabei, und ‚ich bat den Kommandanten, mich doch auch: mitzunehmen. Nach langem Bitten tauschte er mich gegen ein junges Mädchen aus, das gern bei seiner Tante bleiben- wollte. Man führte die Ausgesuchten in die Gashalle, Schwerverbrecher und Dirnen aus dem Kaiserwald nahmen uns alles ab, was wir bei uns hatten. Mäntel und Oberkleider mußten wir auch ablegen und erhielten dafür neue blaugraugestreifte Sträflingstracht, die später mit unserer Häftlingsnummer versehen wurde. Ich er- hielt die Nummer 51566.

Unsere Männer waren gefilzt, umgekleidet und inzwischen schon in ein Schiff verladen worden. Wir erhielten, ebenso wie sie, für drei Tage Lagerverpflegung und wurden auf das- selbe Schiff verladen; wir vorn im Schiff, die Männer hinten. Einander sehen und sprechen war unmöglich. Wir fuhren mit dem Schiff bis in die Rigaer Bucht , dort stand schon ein riesiges Schiff, in das wir verladen werden sollten. Wir sahen mehrere Dampfer an uns vorbeifahren, mit fast nur jungen Menschen besetzt, diese wurden außer SS noch begleitet von den Lagerkapos, Lager- und Blockältesten. Einige dieser SS - Handlanger kannten wir schon und wußten dadurch, daß auch die Konzentrationslager Kaiserwald und Straßenhof ihre Leute verschickten. Ich hatte jetzt eine leise Hoffnung, mein Kind zu finden, und als ich den berüchtigten Verbrecher X. fragte, ob beim Kaiserwaldtransport meine Tochter, die im Kaiser- waldlazarett tätig war, dabei sei, sagte er mir:Nein. Traurig stieg ich in den untersten Raum des entsetzlich schmutzigen Schiffes, suchte mir ein Lager(eine Koje für drei bis vier Menschen) und legte mich hin. Wie lange ich vor mich hin- grübelnd gelegen hatte, weiß ich nicht, denn das Schiff fuhr schon, Plötzlich sprang ich wie elektrisiert aus der Koje. Die Stimme, ich kannte sie doch, war die meiner Tochter, und als ich nach ihr suchte, sah ich sie im weißen Kittel die Schiffs- 'treppe herunterkommen. Sprechen konnten wir beide nicht, wir hielten uns nur fest umschlungen nach über zweijähriger Trennung. Nun war mir leichter, hatte ich doch schon ein Kind von dreien wieder.

39