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Sadismus oder Wahnsinn : Erlebnisse in den deutschen Konzentrationslagern im Osten / Jeanette Wolff
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verzerrt sich sein Gesicht vor Wut. Er schießt wie ein Wahn- sinniger auf den Wehrlosen, schon Verwundeten, der schließ- lich, von 32 Schüssen durchbohrt, blutüberströmt leblos zu- sammenbricht.- Hunderte von letiischen Bürgern haben das mit angesehen, weil es sich an der Straße, am Zaun des Gettos, abspielte. Auch sie hat das Entsetzen vor soviel Brutalität gepackt. Von ihnen haben wir später erst Bericht über dieses Ereignis bekommen.

Wutgeladen über diese moralische Niederlage beschloß die SS, Geiseln zu nehmen, und. so wurden noch ungefähr 350 Menschen als Geiseln ins Zentralgefängnis gebracht. Von ihnen hörte man nie wieder etwas.

Noch war die seelische Depression nicht von uns gewichen, da kam als letzter Vorbote für die Auflösung des Gettos die Aktion vom 2 November 1943.

Einige Kommandos gingen noch heraus zur Arbeit. Alle anderen waren schon aufgelöst worden. Um 6.45 Uhr kam der Befehl der Kommandantur:Alle Kinder bis zu zwölf Jahren haben sich um 7.45 Uhr auf dem Blechplatz einzu- finden. Warme Kleidung und eine Decke sind mitzugeben. Ein panischer Schrecken erfaßte die Mütter. Alles hatten sie geduldig ertragen, Hunger, Kälte und Schläge. Die Männer waren ihnen zum Teil ermordet worden, zum Teil gestorben oder verschleppt, ältere Kinder in andere Lager verschleppt, und nun sollten sie auch noch die kleinen hergeben. Manche sind damals am Rande des Wahnsinns gewesen. Nichts half, die SS verlangte die Kinder. Auch ich hatte ein kleines gold- blondes, entzückendes Mädel angenommen als es 16 Monate alt war. Der Vater des Kindes war in Salas Pils gestorben, und die Mutter hatte den Verstand verloren. Es war gerade im Oktober drei Jahre alt geworden. Ich selbst mußte das aufgeweckte Kind zum Blechplatz bringen, dem Ort, von dem das Blut des 10. Oktober noch nicht weggewaschen war. Mit seinem Täschchen in der Hand ging es totenbleich neben mir her und sagte immer:Mutti, du gehst doch mit? Das Herz blutete mir, wußten wir doch, was den Kindern blühte. In- zwischen war der Blechplatz schon voller Kinder, die alle wußten, daß sie einem schrecklichen Schicksal entgegen-

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