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Mit meinem Mann und meinen beiden Töchtern trat ich den Weg in die Verbannung an; die 81jährige Mutter meines Mannes, die 28 Jahre mit uns zusammengelebt hatte, mußte ich zurücklassen.
Im Börsensaale lagen wir etwa 1300 Menschen auf unseren Gepäckstücken auf der Erde, fünf Tage und vier Nächte schikaniert von der Gestapo und ihren Helfern. Das erste, was wir von den Grausamkeiten der Gestapo zu Gesicht bekamen, war, daß man einen Menschen vor unseren Augen erschoẞ, weil er in der Nacht einen Schreikrampf bekam.
Am Morgen des 25. Januar 1941 trat ein langer, trauriger Zug unter Bewachung der Gestapo den Weg zum Bahnhof an. Nicht etwa, daß man uns auf den Bahnsteig brachte, wir wurden weit außerhalb der Station in vollkommen verschmutzte, ungeheizte Waggons verladen, auf deren Toiletten der Kot halbmeterdick gefroren war. Wohin wir kamen, wußten wir nicht. Erst als wir im Zuge waren, sickerte langsam durch, daß unser Weg nach 19J19 Riga in Lettland ging. d 9.
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In ungeheizte Waggons eingeschlossen, ohne irgend etwas Warmes, ohne Verpflegung und die Möglichkeit, seine Notdurft zu verrichten, fuhren wir fünf Tage und Nächte. Als wir die Begleitmannschaften baten, austreten zu dürfen, mußten in jedem Waggon die Aborte mit den Händen ohne Werkzeug gesäubert werden. Das war, abgesehen von dem aufsteigenden Ekel, in der bitteren Kälte eine furchtbare Arbeit. Man ließ schließlich nach langem Bitten aus jedem Waggon einige Leute nach Wasser gehen wir waren fast verdurstet -, dann durften wir uns für fünf Minuten draußen im Schnee notdürftig säubern und austreten, Männlein und Weiblein gemeinsam; für die Frauen und Mädchen eine schreckliche Angelegenheit. Ging's der SS nicht schnell genug, gab es auch Kolbenschläge. Die furchtbare Kälte, und dazu noch Tag und Nacht fast unbeweglich sitzen müssen, brachte entsetzliche Erfrierungen mit sich, an denen später noch viele zugrunde gingen. Hunderten von Menschen faulten die Zehen und die Finger ab. Mehrere Waggons mit Lebensmitteln waren von der jüdischen Gemeinde und den Verschickten zusammengebracht worden. Diese Waggons wurden in Königsberg abgehängt. Ebenso sahen
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