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Ich sah das Vernichtungslager / Konstantin Simonow
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ganz Polen eine Vorstellung vermitteln von der Stärke der deutschen Herrschaft und von den Schrecken, denen alle, die Widerstand zu leisten wagten, ausgeliefert waren. Die Rauchsäule, die wochen- und monatelang über dem hohen Schornstein des Hauptkrematoriums stand, war weithin sichtbar, aber das störte die Deutschen nicht. Dieser ent- setzliche Rauch sollte ebenso wie der Leichengeruch der Bevölkerung Schrecken einflößen. Tausendköpfige Menschenkolonnen marschierten vor aller Augen über die Cholmer Landstraße, und hatte sich das Tor des Lubliner Lagers hinter ihnen geschlossen, kehrten sie nie wieder von dort zurück. Auch das sollte die Stärke der Deutschen beweisen, die meinten, sich alles,.was ihnen beliebte, erlauben zu können und sich dafür vor niemandem verantworten zu müssen.

Ich möchte meinen Bericht mit der Beschreibung derhumansten Einrichtung des Lagers, dem Lazarett, beginnen. Alle ins Lager Ein- gelieferten kamen, bevor sie in die allgemeinen Baracken überführt wurden, laut strengster medizinischer Vorschrift für 21 Tage unter Quarantäne. Das entsprach fraglos den Erfordernissen der Hygiene. Hier muß man nur eine Kleinigkeit hinzufügen: alle Kriegsgefangenen, die unter Quarantäne ins Lazarett kamen, wurden laut Befehl der Lagerkommandantur ausschließlich in Baracken untergebracht, in denen Kranke mit offener Tuberkulose lagen. In jede dieser schrecklich über- füllten Baracken, wo zweihundert Kranke mit offener Tuberkulose lagen, wurden noch je zweihundert Menschen hineingepfercht, die unter Quarantäne standen. Wenn man diese kleine Einzelheit berück- sichtigt, so wird es verständlich, daß die Todesursache bei 70 bis 80 Prozent der Menschen, die im Lager sozusagen eines natürlichen Todes starben, Tuberkulose war.

‚Eigentlich war das Lazarett nichts weiter als eine Abteilung des Vernichtungslagers. Hier wandten die Deutschen Mordmethoden an, die manchmal schneller wirkten als diein den gewöhnlichen Baracken. Wenn man überhaupt von den Methoden der Ermordung spricht, so muß bemerkt werden, daß sie äußerst mannigfaltig waren und ent- sprechend der Vergrößerung des Lagers progressiv zunahmen.

Der erste Platz für die Massenausrottung war eine Bretterbude, die anfangs, als das Lager gebaut wurde, zwischen zwei Reihen Stachel- draht errichtet wurde. Durch diese Bretterbude lief unter der Decke ein langer Balken, an dem ständig acht Lederschlingen hingen. Hier wurden alle Entkräfteten erhängt In der ersten Zeit gab es im Lager nicht genügend Arbeitskräfte, und die SS -Leute konnten nicht einfach zu ihrem Vergnügen töten. Sie töteten keine Gesunden. Sie erhängten nur diejenigen, die durch Hunger und Krankheiten entkräftet waren. Dabei hatten die Kriegsgefangenen eine Vergünstigung. In dieser Bretterbude wurden nur Häftlinge aus der Zivilbevölkerung erhängt. Die Gruppen der entkräfteten und zur Arbeit untauglichen Kriegsgefan- genen wurden aus dem Lager herausgeführt und erschossen. Kriegs- gefangene wurden nur dann erhängt, wenn keine ganze Gruppe zu-

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