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Ich sah das Vernichtungslager / Konstantin Simonow
Entstehung
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Füßen zog und wer die Damenwäsche und die Kinderkleidchen sor­tierte, ich weiß das nicht. Aber beim Anblick dieser Kleidersammel­stelle denke ich daran, daß die Nation, die Leute hervorgebracht hat, die zu all dem fähig waren, die volle Verantwortung und auch den Fluch für die Untaten ihrer Repräsentanten auf sich nehmen muß und nehmen wird.

III.

Die Geschichte des Lubliner ,, Vernichtungslagers" habe ich schon erzählt und sein heutiges Aussehen geschildert. Verweilen wir jetzt bei den Aussagen einzelner Zeugen, mit denen ich gesprochen habe. Ihre Aussagen umfassen vielleicht nur den hundertsten Teil jener Beweismittel, die später das Material für die Untersuchungskommission bilden werden. Ich sprach mit dem russischen kriegsgefangenen Arzt Baritschew, Oberarzt im Lagerlazarett für Kriegsgefangene, und auch mit einem Heilgehilfen desselben Lazaretts, mit Ingenieuren und Arbei­tern aus der Zivilbevölkerung, die beim Bau des Lagers tätig waren, und mit Lagerinsassen, sowohl Häftlingen als auch Kriegsgefangenen; ich sprach ebenfalls mit den SS - Leuten, die das Lager bewachten. Aus all diesen Gesprächen erhielt ich ein Gesamtbild über das Leben im ,, Vernichtungslager ", über das man hier sprechen muß.

Die erste Voraussetzung, von der die im Lager herrschenden SS­Leute ausgingen, war folgende: alle, die ins Lager kamen, seien es Kriegsgefangene oder Häftlinge aus der Zivilbevölkerung, seien es Russen, Ukrainer , Polen , Bjelorussen oder Juden, Franzosen oder Griechen usw., sie alle werden früher oder später umgebracht werden, nie wird einer lebend aus diesem Lager herauskommen und erzählen können, was dort vor sich geht. Diese erste Voraussetzung bestimmte sowohl das Vorgehen der Wachmannschaft als auch die Methoden für die Ausrottung der Menschen in diesem Lager. Die Toten sind stumm und können nichts mehr erzählen. Sie können von keinen Einzel­heiten berichten und diese Einzelheiten mit Dokumenten belegen. Da­her wird niemand Beweise in der Hand haben, und das war, nach Auffassung der Deutschen , das Wichtigste.

Natürlich konnten Berichte über das Lager als Ganzes, als Todes­lager, zu der Bevölkerung der Umgegend dringen, aber das beunruhigte die Deutschen nicht. Sie fühlten sich in Polen wie zu Hause. Das ,, Polnische Generalgouvernement" war für sie ein für immer erobertes Land. Die, die hier am Leben geblieben waren, sollten vor allem vor den Deutschen Angst haben, und deshalb waren die entsetzlichen Ge­rüchte, die über das Lubliner Lager in ganz Polen umgingen, den Deutschen sogar erwünscht. Der Leichengeruch, der an Tagen beson­ders großer Massenmorde aus dem Lager in die Umgebung drang und die Menschen sogar in Lublin zwang, sich Tücher vors Gesicht zu halten, flößte den Bewohnern der Umgegend Furcht ein. Das sollte

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