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Ich sah das Vernichtungslager / Konstantin Simonow
Entstehung
Seite
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aus einer geräumigen Baracke mit Zementboden, wo auf Ziegelfunda­menten zwei riesige Eisenkessel der Länge nach aufgestellt waren. Die Verbrennung ging in diesen Kesseln viel zu langsam vor sich. Zwar erwartete man hier nicht die endgültige Einäscherung der Leichen, doch schon der Zerfall der Leiche in morsche Knochen dauerte hier wenigstens zwei Stunden. In beide Verbrennungsräume kamen gleich­zeitig je vierzehn Leichen. Das Krematorium konnte also täglich nicht mehr als hundertfünfzig Leichen verbrennen, während in der Gas kammer sogar bei nur einer, wie man sich hier ausdrückte ,,, Ver­gasung" dreihundert Personen täglich getötet wurden. Deshalb mußte vor dem Bau des neuen Krematoriums an den großen Vernich­tungstagen ein bedeutender Teil der Leichen von hier mit Lastkraft­wagen auf ein Feld hinter den Lagern gebracht und dort verscharrt werden.

Der Zaun besteht aus zwei Reihen vier Meter hoher Pfosten mit Stacheldraht, der oben in Halbdachform nach innen gebogen ist. Beide Pfostenreihen stehen zwei Meter voneinander, und quer durch diesen Zwischenraum zieht sich im Diagonal, von der Spitze des einen Pfostens bis zum Fuß des gegenüberstehenden, eine dritte Reihe Stacheldraht. Der Draht läuft über Isolationsrollen und war elektrisch geladen: durch ihn wurde ein tödlicher Starkstrom geleitet, der jede Fluchtmöglichkeit ausschloß.

Ur­

Dieses elektrifizierte System war anfangs nicht eingeführt. sprünglich ging durch den Drahtverhau kein elektrischer Strom. Der Übergang zum elektrischen System wurde durch folgenden Vorfall hervorgerufen. Im Mai 1942 erschlug eine Gruppe russischer Kriegs­gefangener, die Erschossene im nahe liegenden Krempezker Wald be­graben sollten, mit ihren Spaten sieben deutsche Wächter und flüch­teten. Zwei von ihnen wurden gefangen, die übrigen fünfzehn ent­kamen. Da wurden die im Lager verbliebenen hundertdreißig Kriegs­gefangenen( von den tausend im August 1941 eingelieferten Kriegs­gefangenen waren nur hundertdreißig am Leben geblieben) in den Block überführt, wo die Häftlinge aus der Zivilbevölkerung unter­gebracht waren. Eines Abends Ende Juni entschlossen sich die russi­schen Kriegsgefangenen, als sie sahen, daß sie hier sowieso zugrunde gehen würden, zu einem Fluchtversuch. Einige Dutzend der Häftlinge gingen nicht mit. Die Kriegsgefangenen sammelten alle vorhandenen Bettdecken, legten sie zu je fünf Stück zusammen, breiteten sie als Brücken über den Stacheldraht aus und flohen. Die Nacht war finster, nur vier der Flüchtlinge wurden erschossen, die übrigen entkamen. Die zurückgebliebenen fünfzig Mann wurden sofort nach Entdeckung der Flucht in den Hof geführt, mußten sich auf die Erde legen und wurden aus Maschinenpistolen erschossen. Doch die Deutschen be­gnügten sich nicht mit dieser Strafmaßnahme. Die gelungene Flucht blieb eine Tatsache, und die Deutschen elektrifizierten eiligst vier der fünf Blocks. Nur einer der Blocks war nicht elektrifiziert: dort befanden

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