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Ich sah das Vernichtungslager / Konstantin Simonow
Entstehung
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polnischer Arbeiter, geboren am 20. März 1924 in Krakau . Da gab es eine chinesische Legitimation mit Photo und Hieroglyphen, die ich nicht lesen konnte. Es gab Personalausweise mit Blutflecken, andere waren durch Wasser aufgeweicht, es gab Papiere, die mitten durch- gerissen, und andere, die zertrampelt waren. Dieser grauenhafte Berg von Personalausweisen war ein Grabhügel ganz Europas , eingezwängt in die vier Wände eines Zimmers.

Es läßt sich sogar schwerlich voraussagen, welche ungeheuerlichen Einzelheiten bei der eingehenden Untersuchung dieser Papiere und bei dem Verhör der unzähligen Zeugen zutage kommen werden.

Wieviele furchtbare Enthüllungen über das Schicksal der ver- schiedensten Menschen aus den verschiedensten Winkeln Europas werden erst gemacht werden, wenn das ganze Material ans Tageslicht kommt und alle Zeugen vernommen werden?!-

ll.

Geht man die Cholmer Landstraße entlang, so sieht man rechter Hand in etwa dreihundert Meter Entfernung die Umrisse einer ganzen Stadt emporwachsen: Hunderte niedriger, grauer Dächer, gebaut in genau ausgerichteten Reihen, getrennt durch Stacheldraht. Es ist eine große Stadt mit Raum für Zehntausende von Menschen. Man biegt von der Landstraße ab und fährt durch ein Tor auf die andere Seite des Stacheldrahtverhaus. Saubere Baracken mit gepflegten Vorgärten und aus Birkenholz gezimmerten Sesseln und Bänken stehen in Reihen. Das sind die Baracken der SS-Wache und der Lagerleitung. Hier ist auch dasSoldatenheim, eine etwas kleinere Baracke, in der das Bordell für die Lagerwache untergebracht war; die Frauen waren aus- schließlich Gefangene, und sobald eine schwanger wurde, wurde sie umgebracht. er;

Dann kommen die Desinfektionskammern für die den Gefangenen abgenommenen Kleider. Durch in die Decke eingelassene Rohre wurden Desinfektionsmittel geschüttet, dann wurden die Rohre verkittet, die Türen hermetisch verschlossen, und die Desinfizierung konnte beginnen. Die Bretterwände der Baracken und die leichtgebauten, nicht mit Eisen beschlagenen Türen bezeugen, daß hier tatsächlich nur Kleider- desinfizierungen vorgenommen werden konnten.

Doch nun öffnen wir die nächste Tür und gelangen in eine zweite Desinfektionskammer, die schon nach einem ganz anderen Prinzip gebaut ist. Ein quadratischer Raum, etwas über zwei Meter hoch, mit einer Bodenfläche von etwa sechs mal sechs Meter, Wände, Decke und Boden sind aus kompaktem grauem Beton. Kleiderhaken wie im ersten Raum gibt es hier nicht. Alles ist kahl und leer. Der Eingang zum Raum wird von einer einzigen großen Stahltür mit riesigen Stahlriegeln von außen her hermetisch verschlossen. Die Wände dieser Betonkammer haben drei Offnungen: zwei von ihnen bestehen aus Rohren, die von

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