ZWISCHEN TOD UND LEBEN
Als
Is ich am folgenden Morgen erwache, brauche
ich geraume Zeit, bis meine Gedanken sich in meiner neuen Lage zurechtfinden. Ich versuche, alle gefühlsmäßigen Regungen zu unterdrücken, die immer wieder hochkommen wollen; ich suggeriere mir, so gut ich kann, die Notwendigkeit stets vor Augen zu halten, daß ich alle Abwehrkräfte in mir wachrufen muß. Haß und Wut sind Augenblicke der Schwäche und zehren an den Kräften. Es ist mir klar, daß ich diese inneren Abwehrkräfte bis ins äußerste steigern muß, wenn ich unter der Todesdrohung, die jetzt in einer bisher unvorstellbaren Weise auf mir liegt, die kühle Überlegung und, wenn notwendig, die klare Konzentration zur Ausnutzung jener seltenen Augenblicke sozusagen griffbereit zur Verfügung haben will, um sie richtig erfassen zu können. Jene seltenen Augenblicke, die vielleicht eine Möglichkeit ergeben, mich aus meiner wirklich verzweifelten Lage zu befreien. Denn der Tod steht jetzt neben mir, er ist noch ganz anders mein Weggenosse geworden, als es im normalen. menschlichen Leben schon der Fall ist. Alles Aufbäumen gegen mein Schicksal, alle Stunden der Verzweiflung, die trotzdem immer kommen, ändern nichts an dieser ehernen Tatsache. Der Tod als Weggenosse! Nicht unbewußt, sondern unablässig und ständig bewußt! Ein Zustand dauernder, höchster Anspannung setzt ein; der ganze
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