DER PROZESS
k zu. ren öffentlichen Meinung und Unterordnung stand. Aber Ver- ich will mich nicht deswegen vernichten lassen, weil ich ibt mich nicht freiwillig zum geistigen Knecht der heutigen chzu- Machthaber habe machen lassen. Daß der Tod über mich beschlossen ist, ist nicht die Hauptsache. Das Wesentliche| ist, daß ich im tiefsten über die Feststellung erschüttert j bin, daß wir derartig tief heruntersinken und uns gegen- seitig der Menschenwürde berauben konnten, und daß sich Richter finden, die nach solchen Gesichtspunkten ein Urteil fällen!
Aber das ist mein heiliges Gelöbnis: Ich werde nichts unversucht lassen, um aus diesen Fesseln mich zu be- freien, und dann werde ich nicht eher ruhn und rasten, bis diese menschenunwürdige Staatsführung stürzt!“ Der Pfarrer nickt ruhig mit dem Kopf.„Sie haben ein Recht auf geistige Freiheit“, sagt er,„und ein Recht auf Wahrheit wie jeder Mensch. Aber seien Sie sich darüber klar, daß dieses Recht zur Zeit unterdrückt ist und daß die meisten Menschen zu bequem sind, darum zu kämpfen. Viele können es auch nicht, weil es gleichbe- j deutend mit Selbstvernichtung wäre. Sie stehen als ein-? zelner Mann gegen einen ganzen Staat im Kampf. Bleiben Sie sich der Tragweite dieser Tatsache stets bewußt.— Im übrigen, Gott befohlen!“
Sie verabschieden sich mit einem Händedruck. Ich weiß, ich habe zwei treue Freunde, welche mich in der tödlich gefährlichen Lage, in der ich bin, nicht verlassen werden. Diese Überzeugung hilft mir über die nun folgende, end- los scheinende Zeit furchtbaren, zermürbenden Wartens
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