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Jedem das Seine : satirische Gedichte / Karl Schnog ; Zeichnungen von Herbert Sandberg ; Nachwort: Eugen Kogon
Entstehung
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VISION

Frau, schau mich nicht so seltsam an Und forsche nicht in meinen Zügen. Ja, ja, ich bin's, ich bin dein Mann, Dein Auge will dich nicht betrügen.

Wenn ich dir fremd geworden bin, Und unverständlich meine Sitten: Ich bin durch Not und Elend hin Und oft am Tod vorbeigeschritten.

Und bin ich endlich auch zu Haus, Wir wollen unsre Freude dämpfen. Denn, Frau, ich ruhe mich nicht aus, Ich muß für unsre Kinder kämpfen!

Gewiß, es käme mir auch zu, Mich endlich einmal auszustrecken, Doch find ich weder Rast noch Ruh, Solange Haß rings herrscht und Schrecken.

Ich bin nicht eher froh und frei Und habe keine guten Stunden,

Bis daß ein End' die Tyrannei Für jeden Schaffenden gefunden.

Drum halte nicht den Kopf gesenkt, Sag nicht, daß ich nicht an euch denke. Die Freiheit ist mir erst geschenkt,

Wenn ich der Welt die Freiheit schenke.

Buchenwald 1942

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