Druckschrift 
Geopfertes Volk : der Untergang des polnischen Judentums / M. Chersztein ; deutsche Übertragung von Jolanta Münch
Entstehung
Seite
120
Einzelbild herunterladen

Verhöre kehrten die Opfer mit gebrochenen Rippen oder Gliedern zurück und stets war das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit geschwollen.

Um 10 Uhr früh holte man die Leute zur Müße"( Geiselerschießun­gen, bei denen den Opfern Papiermützen übergestülpt wurden und der Mund vergipst war). Gewöhnlich erfolgte diese Art Erschieẞungen drei­mal wöchentlich, manchmal aber auch täglich.

Des Morgens wurden die Gefangenen aufgerufen und in den Keller gebracht. Dort mußten sie sich ausziehen und behielten nur ihre Unterhosen. Ueber den Kopf wurden Papiertüten gestülpt oder Binden herumgelegt. Wenn viele Opfer vorhanden waren, band man einfach die Hemden um den Kopf. Dann wurden fünf Opfer aneinander ge­fesselt. Nach diesen Vorbereitungen brachte man sie in Lastkraft­wagen mittags in die Stadt zur Erschießung.

Die Zurückgebliebenen durften nicht durchs Fenster sehen, man schoß, so oft sich ein Gesicht an einem Fenster zeigte. Die Zimmer­decken waren von Kugeln durchlöchert, aber von der Seite konnte man beobachten, wie die Lastkraftwagen unter Eskorte ins Ghetto fuhren. war das ganze Gebiet von Militär und SS umstellt und dort erfolgten die Hinrichtungen durch Gewehrsalven. Durchschnittlich mußten 100 bis 250 Personen ihr Leben bei einer solchen Aktion lassen. Die meisten starben ohne jeglichen Grund.

Dort

Es gab Fälle, wo Jugendliche von 15 und 16 Jahren erschossen wurden. Die Erschieẞung einer kleinen Anzahl wurde manchmal an Ort und Stelle durchgeführt, manchmal durch Revolverschüsse. Diese Exekutionen wurden von besonderen SS- Abteilungen ausgeführt. Nachts schoß die Wachmannschaft mit Pistolen auf Frauen und Kinder.. Die Leichen wurden mit Benzin begossen und angezündet; mittags verbrei­tete sich gewöhnlich ein Brandgeruch.

Die Wachmannschaft bestand aus ukrainischer Polizei. Sie be­drohte geringfügige Vergehen, wie Zigarettenrauchen, mit besonderen Gemeinheiten. Mit zusammengebundenen Beinen mußten die Ausge­hungerten den Gang entlang hüpfen, oder auf allen Vieren über glühende Kohlen kriechen.

Die Verpflegung wurde von der polnischen Gesellschaft der Für­sorge für politische Häftlinge Patronat" geschickt. Solange sie von den Deutschen geliefert wurde, war sie äußerst schlecht gewesen.

Die Unterkünfte waren fürchterlich. In einer Einzelhaftzelle saẞen zehn bis zwölf Personen. Wenn die Strohsäcke ausgebreitet wurden, mußten sich alle nebeneinander niederlegen. Jeder konnte nur auf der Seite liegen; drehte sich einer um, mußte es die ganze Reihe tun.

Im Pawiak saßen stets etwa 2000 Männer und 400 Frauen. Freilas­sungen kamen selten vor. Gewöhnlich blieben die Insassen etwa einen Monat dort. Alle kamen von dort entweder unter die Mütze", oder in irgendein Konzentrationslager.

120