UNTERRIXINGEN
Im Winter wurden während der größten Fröste die Häftlinge um 4 Uhr früh sieben Kilometer zum Bahnhof gejagt. Oftmals mußten sie sich durch den Schnee den Weg bahnen, um dann auf dem Bahnhof zwei Stunden auf den Zug zu warten. Man gestattete es ihnen nicht, sich durch Bewegung zu erwärmen. Wer seine Fünferreihe verließ, bekam einen Kolbenschlag auf den Kopf, daß er bewußtlos umfiel, und wenn jemand aus dem Gliede trat, wurde er wegen Fluchtverdacht erschossen.
Der Zug schleppte sich drei Stunden zum Bestimmungsort. Dort fiel das Kommando„Heraus!”. Zu Fuß ging es dann zwei Stunden von Kornwestheim bis zur Arbeitsstelle. Dort wurden für 400 Leute 40 bis 30 Schaufeln verteilt. Wem es nicht gelang, eine Schaufel zu erwischen, mußte die Steine mit bloßen Händen aus dem Schnee auslesen.
Des Morgens wurde Mittagessen um 1 Uhr versprochen. Während des Mittagsappells zeigte es sich, daß kein Essen da war, trotzdem man dazu zwei Kilometer weit durch Schnee und Eis hergekommen war. Die Leute fielen unterwegs vor Hunger um, sie hatten den ganzen Tag nichts gegessen. Die Häftlinge mußten, ohne etwas gegessen zu haben, wieder zur Arbeitsstelle zurückkkehren. Dort mußten eine halbe Stunde lang die Schaufeln gesammelt werden, dann ging es zum Zuge zurück.
Der Rückweg war schwer. In tiefem Schnee trugen die Häftlinge die Ohnmächtigen zum Zuge zurück, doch die Träger selbst fielen vor Hunger und Erschöpfung um und mußten auch geschleppt werden. Statt um vier Uhr kam man um halb sieben Uhr auf dem Bahnhof an.
Auf dem Bahnhof legte man die Leichen in eine Reihe. Jeder der Überlebenden suchte unter ihnen nach Freunden und Verwandten. Man hörte lautes Weinen und Schreien. Der SS-Mann, der das laute Weinen hörte, nahm sein Gewehr und schlug mit dem Kolben dem Häftling auf den Kopf, daß er ohne einen Laut tot umsank.
Bis zwölf Uhr mußte auf den Zug gewartet werden, der sich dann zwei Stunden lang zurückschleppte. Um halb vier Uhr erreichte man wieder das Lager. Dort bekam jeder einen halben Liter Suppe und durfte dann zwei Stunden schlafen. Man sank wie tot auf seine Pritsche. Durch diese eine Fahrt starben 60 Prozent der Teilnehmer.
Bald darauf erkrankte der Zeuge. Einen Arzt gab es nicht. Er wandte sich deshalb an den Leiter mit der Bitte, ihm für diesen Tag eine leichtere Arbeit zuzuweisen. Der Leiter willigte ein, aber der Sekretär, ein großer Nationalsozialist, war damit nicht einverstanden. Am Morgen kam der Zeuge in die Gruppe, die zur leichteren Arbeit ging. Dann kam der Sekretär aus dem Arbeitseinsatz hinzu, befahl ihm
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