Druckschrift 
Geopfertes Volk : der Untergang des polnischen Judentums / M. Chersztein ; deutsche Übertragung von Jolanta Münch
Entstehung
Seite
72
Einzelbild herunterladen

nichtung des jüdischen Volkes seien. Wir hörten auch, daß der Tag der Vergeltung für die Grausamkeiten, die die Deutschen verübten, kommen würde. Leider entdeckte der Lagerleiter nach einiger Zeit unser heimliches Abhören und meldete es dem Kommandanten, einem SS - Major.

Bald erfuhren wir, daß das Lager aufgelöst werden würde. Im August des Jahres fuhren auf dem Hofe Lastkraftwagen auf aus Stara­ chowice , Ostrowiec und Pionki, besetzt mit Ukrainern und Werkschutz­leuten. Wir wurden zu Fünft aufgestellt, verladen und in Fabriken ge­bracht. Ich kam nach Radom in die Waffenfabrik. Dort waren wir im Lager unter der Kontrolle von Werkschutzleuten.

Am 18. Januar 1944 holten uns SS - Männer aus der Fabrik und führten uns in die Baracken. Während des größten Frostes mußten wir uns nackt ausziehen. Wir glaubten, daß die letzten Augenblicke unseres Lebens da seien, da die Aktion von einer Strafexpedition durchgeführt wurde, die für ihre Bestialität berüchtigt war. Man brachte uns in eine Baracke, wo wir gestreifte Häftlingsanzüge bekamen und trieb uns dann wieder unter Schlägen auf den Hof, wo wir bisher nackt herum­spaziert waren. Dann führten sie uns in die Fabrik zurück, wo mit uns zusammen auch polnische Arbeiter beschäftigt waren. Wir wußten, daß jeder von uns Waffen zur Vernichtung unserer Allernächsten her­stellen mußte. Einige Monate dauerte diese Arbeit. Dann erzählten uns die polnischen Arbeiter, daß die Sowjet- Armee in Lublin stehe und vielleicht auf Radom vordringen würde.

Eines Tages kam der Lagerskommandant in die Fabrik, versammelte alle und erklärte, daß infolge der Nähe der Front die Arbeit zu Ende sei und wir nach Litzmannstadt abtransportiert würden. Es würde uns nichts geschehen. Er warnte uns zu fliehen. Bis nach Tomaschow, das 100 Kilometer entfernt lag, sollten wir zu Fuß gehen und dort würden Waggons nach Litzmannstadt bereit stehen. Am nächsten Morgen kamen SS - Männer mit Maschinengewehren und Hetzhunden. Sie be­fahlen uns, uns zum Marsch bereitzumachen und aufzustellen. Um zwölf Uhr marschierten wir ab. Vier Tage lang waren wir auf dem Marsch. Es war drückend heiß. Wir benutzten einen Sandweg und gingen, ohne etwas zu trinken oder essen zu erhalten. Viele fielen in Ohnmacht. Wer umfiel, wurde mit dem Gewehrkolben erschlagen oder erschossen. Bei Nacht schliefen wir im Felde. Hundertzwanzig Menschen kamen um, ehe wir Tomaschow erreichten.

Dort wurden wir in eine Matratzenfabrik gesperrt und lagerten dort acht Tage. Endlich kamen die Waggons. Wir wurden zu sechzig Mann in die Waggons verladen. Die SS - Männer bestimmten nach der Ge­fängnisordnung bestimmte Stunden, in denen wir unsere Bedürfnisse zu verrichten hätten. Wer nicht zur bestimmten Zeit hinausging, wurde später nicht hinausgelassen. Acht Tage lang dauerte unsere Reise durch Österreich und die Tschechoslowakei bis nach Vaihingen a. d. Enz.

72