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Geopfertes Volk : der Untergang des polnischen Judentums / M. Chersztein ; deutsche Übertragung von Jolanta Münch
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Zeugenaussage des Natan Kleinmann geb. in Sandomir, Wojewod­schaft Kielce , Häftl. Nr. 502 und 25 253, wohnhaft in Sandomir, Ring­platz 23.

In Sandomir kam das Gerücht auf, daß die Juden aus den größeren polnischen Städten im Gewalttempo ausgesiedelt werden sollten. Wir zogen Erkundigungen ein. Ich war der älteste Handwerker, arbeitete als Schäftemacher für die deutschen Behörden, versammelte meine Nächsten zur Beratung. Wir sandten unseren jüngeren Schulfreund, einen Polen namens Bug, der sich als Volksdeutscher ausgab, zur Er­kundung nach Belzec , wohin die Transporte gingen.

Bei seiner Rückkehr erzählte er, daß in Belcec eine Baracke mit Glas­dach errichtet worden war mit der Aufschrift Badeanstalt". Die an­kommenden Züge hielten ungefähr einen Kilometer von dieser Stelle entfernt, worauf Zugführer und Eisenbahnpersonal umkehrten. Es blie­ben nur die Wachmannschaften, die aus SS- Männern, Litauern und Letten bestanden. Die Verhafteten, die bis zu 120 Personen in ausge­kalkten Güterwagen zusammengepfercht waren, kamen halberstickt an, da viele Fensteröffnungen fest vernagelt waren.

Männer, Frauen, Kinder und Greise, die in die Waggons gesperrt worden waren, konnten sich nicht von der Stelle rühren, sie mußten ihre Notdurft, wo sie gerade standen, verrichten. Bei der Ankunft am Be­stimmungsort waren etwa fünfzig Prozent tot. Die übrigen mußten die Waggons an die sogenannte Badeanstalt" heranschieben.

Alle mußten sich dann zu Paaren aufstellen und marschierten in Gruppen von tausend Mann in die Badeanstalt". Damit kein Verdacht entstand, bekam jeder ein Stückchen Seife und ein Handtuch. Waren sie drin, so wurden alle Türen dicht geschlossen. Ins Innere wurde durch besondere Vorrichtungen Blausäure hineingepumpt, die in zwei bis drei Minuten alle töteten. Im Fußboden waren Versenkvorrichtungen eingebaut, mit denen die Toten weggeschafft wurden. Damit wurde Platz für die nächste Gruppe. Im Keller wurden die Leichen mit Benzin begossen und ins Krematorium transportiert.

Die Todesfabriken unterstanden der direkten Leitung hoher SS­Männer, welche unter Himmlers Befehl standen. Gewissen Gerüchten nach soll Himmler den ersten Hinrichtungen persönlich beigewohnt und durch ein Fenster in der Wand sich die Qualen der Unglücklichen an­gesehen haben. Es gab vier solche Badeanstalten", in denen die aus den verschiedenen Städten ausgesiedelten umgebracht wurden.

Wir erhielten Nachrichten, daß auch in Sandomir die Aussiedlung jeden Tag beginnen könnte. Die Kollegen, die über das Datum im

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