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Geopfertes Volk : der Untergang des polnischen Judentums / M. Chersztein ; deutsche Übertragung von Jolanta Münch
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Die teilweise Liquidierung des Ghettos ging straßenweise vor sich. Jeden Tag fing man in einer anderen Gegend an, und einzelne Teile wurden umstellt.

Zur Verzweiflung getrieben, fing die Bevölkerung des Ghettos an, sich mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. Der Aufstand brach aus. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich im Ghetto nur noch fünfzigtausend Juden. Die Deutschen hatten bekanntgegeben, daß sechstausend Män­ner zur Arbeit angefordert würden. Als die Autos vorfuhren, um die Männer abzuholen, erschien niemand auf dem Sammelplate. Die Ge­stapoleute kehrten um und verließen das Gebiet.

Da gab die jüdische Organisation das Signal zum Aufstand. Zwei Gendarmerieposten im Gebiete des Ghettos wurden entwaffnet und vernichtet. Die jüdische Bevölkerung zog sich in die Luftschutzkeller zurück und wehrte sich von dort aus verzweifelt. Der Zeuge Lejb Himelblau, wohnhaft in Warschau , Dzielna 21, geb. in Lublin 15. 8. 1905, Häftl. Nr. 2719, arbeitete selbst am Bau eines Tunnels mit, welcher einen Durchgang von einem Wohnblock zum anderen herstellte. Es gab auch brückenartige Verbindungen über der Erde.

Die Deutschen versuchten mit Panzern einzudringen, aber die Panzer wurden mit Benzinflaschen oder herabgeworfenen brennenden Decken in Brand gesteckt. Die oberen Stockwerke wurden vom Erdgeschoß durch Zerstören der Treppenhäuser und des ersten Stockwerkes isoliert, um das Besetzen der Häuser umöglich zu machen. So konnten die an­stürmenden Deutschen nicht in die höheren Stockwerke gelangen. Die Kämpfe waren verbissen und verzweifelt. Sie kosteten viele Opfer auf jüdischer Seite, aber auch viele Deutschen fielen. Die Straßen, die das Ghetto umgaben, waren wie eine Frontlinie mit Infanterie, Artillerie­und Panzerabteilungen dicht besetzt. Auch die polnische Polizei wurde zur tätigen Mithilfe von den Deutschen gezwungen. Panzerabteilungen wurden eingesetzt und Sturmangriffe durchgeführt. Die Kämpfe dauerten ohne Pause Tag und Nacht an, ungefähr vom 20. April bis zum 14. Mai 1943. Die Juden wehrten sich heldenhaft und verteidigten sich bis zum letzten Mann in jedem Hause. Die Deutschen zündeten die einzelnen Häuser vom Keller aus an und die brennenden Häuser zwangen die Bewohner, zum Fenster hinauszuspringen. Um aller Bewohner des Ghettos habhaft zu werden, steckten die Deutschen nacheinander mit Brandbomben, die von Flugzeugen abgeworfen wurden, alle Häuser des Ghettos ohne Ausnahme an. Infolgedessen hing über dem Ghetto stets ein Flammenmeer und unaufhörlich hörte man das Detonieren und Explodieren der Geschoße. Sechs Wochen lang dauerte der Brand des Ghettos.

Während dieser Zeit fand ein großer Luftangriff der Sowjets statt, wahrscheinlich, um den Widerstand im Ghetto zu stärken. Der Angriff dauerte zwei Stunden. ,, Dabei konnten etwa dreitausend Juden die

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