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Geopfertes Volk : der Untergang des polnischen Judentums / M. Chersztein ; deutsche Übertragung von Jolanta Münch
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Trotzdem viele Christen mit den Juden im Geheimen Handel trieben und für schweres Geld Lebensmittel ins Ghetto schmuggelten, besserte dies die Ernährungslage nur ganz unbedeutend. Dieser Zustand dauerte bis Juli 1942.

Am 22. Juli wurde im Ghetto durch Plakatanschlag in jüdischer, polnischer und deutscher Sprache die Aussiedlung bekannt gegeben. Die Bekanntmachung war unterschrieben vom Ingenieur Czernhiakow, dem Präsidenten der jüdischen Gemeinde, der einige Tage später Selbst­mord beging.

Die Aussiedlung begann im großen Maßstabe. J. O. D., der jüdische Ordnungsdienst, die Beamten der Gemeinde und alle ihre Angestellten mußten dabei mithelfen. Die Leute wurden auf der Straße eingefangen und wie Hunde mit Stockschlägen zum Umschlagplatz" getrieben. Dort wurden sie in Waggons gepackt, die nach Majdanek , Belzec und haupt­sächlich nach Treblinka abgingen, zu den endgültigen Liquidations­plätzen. Im weiten Umkreis hörte man das Weinen und Schreien, das einen fürchterlichen Eindruck hinterließ. Viele starben auf dem Platze vor Aufregung und Erschöpfung. So ging es einige Monate lang. Die jüdischen Angestellten mußten ihre eigenen Volksgenossen herbei­treiben. Nach vollständiger, genauer Sichtung wurden am Schluß der Aktion die Mitglieder des J. O.-D. und der Gemeindeverwaltung wegge­holt, worauf eine mehrwöchige Pause eintrat.

Für die Übriggebliebenen wurden Werkstätten geschaffen. Nach kurzer Zeit wurde auch in den Werkstätten Auslese gehalten und jedes­mal wurde eine große Menge Menschen weggeholt. Im April 1943 for­derte der deutsche Kommissar in Versammlungen die Leute auf, das Ghetto freiwillig zu verlassen. Er versprach, daß die Familienmitglieder, die in anderen Fabriken arbeiteten, mitgenommen werden dürften und behauptete, daß die Bevölkerung außerhalb des Ghettos den Krieg über­leben werde. Falls aber die bewohnten Plätze nicht freiwillig verlassen würden, spiele es bei ihm keine Rolle, 500 Häuser niederbrennen zu lassen. Die Bevölkerung gehorchte nicht, im Gegenteil, sie versteckte sich in den Schußräumen. Andere Fabriken, die ebenfalls einen Aus­siedlungstermin hatten, weigerten sich ebenfalls. Infolgedessen wurde gegen Ende April bekanntgegeben, daß das Ghetto" judenrein" sein solle.

Damals gab es schon eine Zelle der jüdischen Untergrundbewegung, deren Aufgabe es war, parallel mit der polnischen Untergrundbewegung, einen bewaffneten Aufstand vorzubereiten, um die Freiheit zu er­kämpfen. Diese Organisation erhielt nicht wie die polnische Unter­grundbewegung Waffen durch Sendungen vom Ausland, durch Fall­schirmabwürfe der Alliierten, sondern mußte sie für schweres Geld, natürlich heimlich, von den Deutschen selbst kaufen.

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