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Geopfertes Volk : der Untergang des polnischen Judentums / M. Chersztein ; deutsche Übertragung von Jolanta Münch
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Dies geschah ungefähr in der zweiten Novemberhälfte des Jahres 1939. Während die Stadt von reichen Juden gesäubert und die jüdische Intelligenz verhaftet wurde, gaben die Deutschen bekannt, daß alle Juden aus Lodz im Verlauf von drei Tagen ausgesiedelt würden. Sie hielten sich aber nicht an den angegebenen Termin, sondern begannen Die Straßen den Stadtteil, der als Ghetto diente, sofort zu räumen. Zgierska, Lubomirska wurden umstellt, alles, was gehen konnte, heraus­geholt und diejenigen, die nicht Kraft genug zum Gehen hatten, auf der Straße erschossen.

Es war ein fürchterliches Bild: Die Gestapobanditen mit ihren Mördergesichtern, ihren erbarmungslosen, kalten Blicken, teuflisch her­ausfordernd, trieben und mißhandelten die Unglücklichen unbarmherzig, verluden sie in Straßenbahnwagen und brachten sie nach Radegast . Dort warteten die Transporte, bis die Güterzüge vorfuhren. Jeweils hundert Menschen, jeder von ihnen mit Hab und Gut bepackt, wurden in einen Waggon verfrachtet. Es war nicht ertragbar. Die Opfer riefen um Hilfe, aber keiner kehrte sich daran. Frauen im neunten Monat be­gannen im Stehen zu gebären. Kinder riefen nach ihren Müttern, aber die Mütter konnten sich zu ihnen nicht durchdrängen. Die Menschen mußten ihre Notdurft erledigen, wo sie standen. Die Fahrt nach Plaszow dauerte vier Tage.

Zu Tode erschöpft kamen sie aus den Waggons, viele schwer krank, viele junge Mädchen und Frauen mit Blutstürzen, mancher Tote blieb zurück. Alle waren geblendet, als sie nach der viertägigen Finsternis im Güterwagen ans Tageslicht kamen. Die Häftlinge wurden ins Plas­zower Lager gebracht, wo sie sich auf dem Stroh der Fußböden nieder­legen konnten.

Schließlich wurde die übrige jüdische Bevölkerung von Lodz ins Ghetto umgesiedelt, das mit Brettern und Stacheldraht umzäunt wurde. Zuerst bestanden zwei Ghettos, die durch eine Hauptverkehrsstraße, welche die Deutschen ständig benutzten, getrennt waren. Dann, um eine Berührung mit der jüdischen Bevölkerung zu vermeiden, wurden beide durch eine Brücke verbunden. Das Ghetto war zuerst groß genug, wurde aber systematisch verkleinert. Es umfaßte anfangs etwa den siebenten Teil von Lodz . Im Abstande von einigen Wochen kamen Transporte von deutschen, französischen und tschechischen Juden an. Auch die Juden aus der Umgebung, aus Brzeziny , Zgierz , Pabjanice , Zdunska Wola wurden hierher gebracht.

Man suchte die Facharbeiter, die andern wurden umgebracht. In jedem Monat wurden Massen getötet, jedesmal etwa Zehn- bis Fünfzehn­tausend. Zuerst kamen die Gesunden, dann Kranke, dann Familien. Im­mer neue Opfer wurden herausgeholt, einmal zwanzigtausend gesunde Männer, angeblich zur Arbeit. Nach zwei Monaten kam eine kleine Schar von etwa 450 Mann zurück, ein Haufen Elend. Man gestattete, daß sie

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