Druckschrift 
Geopfertes Volk : der Untergang des polnischen Judentums / M. Chersztein ; deutsche Übertragung von Jolanta Münch
Entstehung
Seite
49
Einzelbild herunterladen
  

Eine Woche nach Kriegsbeginn rückten die Deutschen in Lodz ein. Das war der schlimmste Tag, den Lodz je erlebt hat. Gleich am selben Tage drangen sie in die Wohnungen wohlhabender Juden ein, raubten Wertgegenstände und Schmucksachen, mißhandelten und schlugen die Leute. Auf den Straßen gingen bestialische Szenen vor sich. Wer den Deutschen nur dem Aeußeren nach nicht behagte, wurde niederge­schossen.

Im Laufe der darauffolgenden Tage wurden in Lodz Arbeitsämter errichtet. Zu diesem Zwecke wurden die jüdischen öffentlichen Gebäude beschlagnahmt. Es ging den Deutschen eigentlich nicht ums Arbeiten, sondern nur um das Quälen der Juden, besonders der wohlhabenden, die auf bestialische Art und Weise umgebracht wurden, wie der Inhaber der Firma Gebrüder Leib". Einige Deutsche stellten sich um ihn auf, stießen ihn mit Fußtritten sich gegenseitig zu, wie einen Fußball, be­warfen ihn dann mit großen Kohlenstücken, und als er niederstürzte, trat man ihm auf den Kopf und sah zu, wie das Blut aus dem Munde strömte. Dies ist einer der vielen entsetzlichen Fälle, die man unmöglich alle einzeln aufzählen kann.

Bald begann die Beschlagnahme des jüdischen Eigentums und das Vertreiben aus den Wohnungen. Innerhalb von fünf Minuten mußten die Juden ihr Haus verlassen. Die Vertriebenen begaben sich in die geschlossene Judensiedlung Baluty und vergrößerten dort die Zahl der Einwohner. Das war der Anfang des Ghettos. Zuerst bildeten sich die Niederlassungen der Ausgewiesenen freiwillig. Dann bezeichneten die Deutschen die Grenzen des Ghettos nach dem Stadtplan und be­stimmten den Zeitpunkt, an dem die einzelnen Stadtviertel geräumt werden mußten. Im Laufe weniger Wochen war die ganze jüdische Bevölkerung von Lodz im Ghetto zusammengepfercht.

Um den Juden das Mitnehmen ihrer Sachen unmöglich zu machen, griff man zu folgenden Machenschaften: Die Petrikauer Straße sollte laut Befehl am Freitag geräumt werden. Am Vortage jedoch umstellten die Deutschen die Straße und befahlen allen jüdischen Einwohnern im Verlauf von fünf Minuten ihre Wohnungen zu verlassen. Bei der ent­standenen Panik verließen viele ihre Wohnungen nicht rechtzeitig. Daraufhin folgte ein allgemeines Morden der Juden. Man schonte auch die Kranken nicht. Die jüdischen Einwohner anderer Stadtviertel warteten daraufhin den Ablauf der zweiwöchigen Frist nicht ab, sondern nahmen sofort ihre Betten und gingen ins Ghetto.

49