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Geopfertes Volk : der Untergang des polnischen Judentums / M. Chersztein ; deutsche Übertragung von Jolanta Münch
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beitete, jeden, wenn er mit der Arbeit nicht zufrieden war, oder wenn er ihn sitzend antraf. Dies ging so Tag und Nacht. Die übermüdeten, unterernährten Menschen fielen manchmal in einen leichten Schlummer, eine unrichtige Haltung reichte für den Kommandanten schon aus, um sie zu erschießen.

Die Aufrechterhaltung der Ordnung und Sicherheit im Lager waren dem J. O. D.( Jüdischer Ordnungs- Dienst) übertragen. Er bestand nur aus Juden, die von den SS - Leuten ausgewählt worden waren. Ständig wurden aus dem Lager Menschen weggeholt. Mit Hilfe des J. O. D. wurde eine gewisse Anzahl, vorwiegend ältere Leute, verhaftet und zur Hin­richtung unter den Baggermörder an einer anderen Stelle, dem soge­nannten Hügel, geführt. Später wurde noch eine dritte Stelle, die den Namen Cipowy Dolek" bekam, zur Hinrichtung gebraucht. Die Leichen wurden wahrscheinlich verbrannt.

Am Anfang betrug die Anzahl der Lagerinsassen etwa Zwanzig­tausend. Im November 1943 besserte sich die Behandlung der Häft­linge etwas. Aus dem Zwangsarbeitslager wurde ein Konzentrations­lager gemacht und Häftlinge anderer Bekenntnisse und anderer Volks­zugehörigkeit eingeliefert. Die Ernährung wurde im Verhältnis zur vergangenen Zeit besser und reichlicher: täglich ein Viertel Laib Brot, manchmal zweimal Suppe aus Gras und Brennesseln und gewisse Zu­lagen wie dünne Marmelade u. s. w. Für eine gewisse Zeit hörten auch die unbegründeten Erschieẞungen auf, doch schlugen die SS - Männer die Gefangenen im selben Maße wie früher.

Unter solchen Bedingungen nahm die Zahl der Gefangenen im Ver­lauf zweier Jahre beträchtlich ab. Im Konzentrationslager waren die Regeln für alle gleich. Später wurde infolge des Wechsels des Lager­kommandanten wieder bis zur Bewußtlosigkeit geschlagen. Deutsche Kinder, die den Häftlingen auf der Straße begegneten, riefen ihnen Schwerverbrecher, Banditen" nach. Kranke wurden im Winter zur Arbeit gezwungen. Auch während des größten Frostes mußte man nachts zum Bad und zurück laufen. Während des Marsches an die Arbeitsstelle und zurück wurde man mit Kolbenschlägen gejagt. Oftmals kamen Fälle vor, wo der wachhabende SS- Mann die Häftlinge unter dem Vor­wande, daß sie dort Aepfel pflücken könnten, an den Stacheldraht lockte, der das Gebiet umzäunte, und sie dann dort wegen angeblichen Flucht­versuchs niederschoß. Im letzten Jahre, d. i. 1944, brachte man auch eine Gruppe Juden, etwa 40 Personen, die arische Papiere hatten, ins Lager. Sie teilten das Schicksal der anderen.

Als sich die russische Armee näherte, begann man das Lager aufzu­lösen. Man verlud die Opfer in plombierten Waggons, hundert bis hundertzwanzig in jeden. Es war Sommerzeit und sehr heiß. Die Waggons standen einige Tage auf den Gleisen. Die Sonne brannte un­barmherzig. Um den Leuten, die in den Wagen schrecklich litten, etwas

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