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Geopfertes Volk : der Untergang des polnischen Judentums / M. Chersztein ; deutsche Übertragung von Jolanta Münch
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An einem Sonntage, als ich in einem Nachbardörfchen untergebracht war, wurde auf die zur Zwangsarbeit Registrierten Jagd gemacht. Dabei wurde auch ich mitgenommen und zur Gemeinde gebracht. Ich war so sicher, daß der Schulze mich freilassen würde, so daß ich keine Sachen mitnahm, doch der Schulze wollte nichts für mich tun. Die Polizisten behandelten mich wie einen Juden. Neben mir saß ein Polizist mit schuß- bereitem Gewehr. Sogar der deutsche Kommandant wurde herbeigeholt. Dann aber kam der Schulze und erklärte, ich sei ein Karaite. Der deutsche Kommandant versicherte mir, in Deutschland werde es mir besser gehen als hier.

Schließlich wurden wir, im Ganzen etwa fünfzehn Personen, in einer Reihe aufgestellt und unter Polizeibewachung zum Bahnhof gebracht, von wo wir nach Lida abtransportiert wurden. Auf dem Bahnhof war schon ein Vertreter des Arbeitsamtes, der uns führte. Die Bevölkerung des Ortes stand auf der Straße, um sich den Abtransport anzusehen und betrachtete uns mitleidig. In Lida wurden die Leute aus dem ganzen Kommissariat gesammelt. Als ein riesiger Transport beisammen war, wurden alle nach Minsk zur Kommission geschickt. Dort traf ich ein verhaftetes Mädchen, das wie eine Jüdin aussah und sprach mit ihr. Als man das sah, verhaftete man mich sofort und drohte mir mit Er- schießen. Ich blieb fest und erklärte, ich sei ein Karaite. Man brachte mich zur Bahnhofswache und von dort zur Gendarmerie. Der Chef der Gendarmerie erkannte mich wieder und besah sich meinen Ausweis. Auch andere Offiziere erkannten mich und sagten, daß ich schon bei ihnen gesessen hätte. Schließlich rief der Chef den Transportleiter und befahl ihm, mich nach Minsk mitzunehmen und dem Leiter des Arbeits- amtes zu erklären, daß ich trotz meines semitischen Aussehens kein Jude, sondern ein Karaite sei. Tatsächlich wurde der Leiter des Arbeits- amtes benachrichtigt und ich blieb weiter auf dem Wege nach Deutsch - land unbehelligt.

Unsere Reise nach Minsk dauerte zwei Tage. Dort wurden wir in einem großen Fabrikgebäude untergebracht. Die Straßen waren von schwerer Artillerie besetzt, die an die Front zog. Von unserer Unter- kunft aus sah man den jüdischen Friedhof, dort mußten die Juden die Grabsteine beseitigen. Jeder trug einen gelben Fleck mit dem Davidstern und ein J auf der Brust und auf dem Rücken. Außerdem trug jeder auf der Brust eine Nummer. Ein Ghetto gab es nicht. Wir fuhren nach der ärztlichen Untersuchung und einer Reinigung über Suwalki nach Deutsch - land. Unterwegs wurden wir einige Male entlaust und gereinigt. Zwei Wochen waren wir unterwegs, bis wir Ulm erreichten. Hier war eine Sammelstelle für das südwestdeutsche Arbeitsamt. Ich bemühte mich um Landarbeit, hatte aber keinen Erfolg. Jeder wurde einem gewissen Bezirke zugeteilt und bekam einen Zettel mit einer Nummer. Ich wurde dem Arbeitsamt Mannheim zugeteilt. Als wir dort angekommen waren,

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