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Geopfertes Volk : der Untergang des polnischen Judentums / M. Chersztein ; deutsche Übertragung von Jolanta Münch
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stützten den Kopf mit den Händen und verbrachten so die Nacht, von der Wärme berauscht. Am Tage war die Heizung kühler. Da liefen wir in der Zelle und auf den Pritschen auf und ab, um nicht zu erstarren.

Bald wurde der Tod unser ständiger Gast. Erst starb der einarmige Bauer, dann hatte Gedaile, der in der Nacht aufgestanden war, sich fast nackt auf den Fußboden neben die Zentralheizung gelegt. Der Hunger überkam ihn. Er ein Stück Brot und starb dabei. In der Nacht hing sich der Tatar auf. Es war traurig und finster in unserer Zelle. Unsere Zelle Nr. 28, die jüdische Zelle" genannt, wurde zum Schrecken des Gefängnisses. Die Leichen mußten wir selbst in den Keller tragen. Anfangs klagten alle sehr, daß das Kahal" nichts für uns tat. Während meines ganzen Aufenthalts im Gefängnis hatten wir von der jüdischen Gemeinde in Lida keine Hilfe. Vielleicht war es auch verboten worden,

das weiß ich nicht genau. Von den vorherigen Gruppen waren nur ich und Jezierski übrig geblieben, dessen Haftzeit sich ihrem Ende nahte. Wir erfuhren schon von der Freilassung Einzelner. Der strenge Frost quälte uns immer mehr. Das Leben wurde so unerträglich, daß jeder den Tod ersehnte. Der Schmied, dessen Haft abgelaufen war, bekam Schlosserarbeit in den Gefängniswerkstätten, die sich im Keller des Gebäudes befanden. Wenn er des Abends zum Schlafen zu uns kam, erzählte er uns die Neuigkeiten, die er im Laufe des Tages aufge­schnappt hatte. Endlich wurden die Gerüchte zur Wahrheit. Einen aus unsere Zelle ließ man frei und man begann, die übrigen zu verhören.

Eines Tages holte man auch mich in die Kanzlei zum Verhör- Es saẞen dort einige Gestapooffiziere, der Chef und Gefängniskommandant, ein SS- Offizier als Staatsanwalt. Den Polizisten, der mich verhaftet hatte, sah ich ich auch im Gefängnis. Anscheinend hatte auch er

etwas auf dem Kerbholz. Man holte auch ihn zum Verhör. Ich be­hauptete, daß ich aus Wilna komme, aber nicht aus dem Ghetto, und daß ich Karaite bin. Man wußte nicht, was das ist, ich mußte eine Erklärung abgeben. Der Gerichtssekretär schrieb aber einfach nieder, daß ich aus dem Wilnaer Ghetto geflohen sei, las mir das vor und ver­langte, daß ich das unterschreiben solle. Ich weigerte mich. Der Richter versuchte mich zu überreden, sagte, daß, wenn ich nicht unterschriebe, der Vorsitzende an meiner Stelle unterschreiben werde und daß es dann für mich noch schlimmer sein würde. Man wollte mich durch Schläge dazu bringen. Der Vorsitzende erlaubte es nicht: man dürfe nicht zur Unterschrift gezwungen werden. Nach vielem Hin und Her, als ich kei­nen anderen Ausweg sah, unterschrieb ich. Mehrere Tage nach dem Verhör kam ein Polizist, befahl mir, meine Sachen mitzunehmen und führte mich in die Kanzlei. Dort sagte man mir, daß ich frei sei, gab mir die 87 Rubel zurück, die man mir bei der Durchsuchung abgenom­men hatte und erklärte mir, daß ich morgen beim Gebietskommissariat meine Papiere abholen solle. Als ich den Geldempfang quittierte, be­

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