Je länger wir im Gefängnis blieben, desto größer wurde der Schmutz und die Verlausung. Trotzdem wir öfters unsere Hemden wuschen, half nichts dagegen. Den größten Teil des Tages lauste man die Wäsche. Durch Hunger und Kälte bekamen alle die Ruhr. Der Hunger dörrte die Muskeln und das Fleisch aus, die Arme wurden wie Stöcke, die Brust fiel ein, die Beine waren geschwollen. Der Gefängnisarzt, ein Jude, antwortete auf unsere Klagen, daß alles sich gleich bessern würde, Auf der anderen Seite des Ganges wenn wir freigelassen würden. saẞen russische gefangene Frauen. Sie durften einmal am Tage unter Bewachung hinaus, um Einkäufe zu besorgen. Anfangs konnten wir mit ihnen in Verbindung treten, dann gab es aber einen„ Reinfall" und auch diese Erleichterung hörte auf.
um zu
Eine andere Episode aus unserer Zelle: Ein Jude, flüchtig aus dem Wilnaer Ghetto, der sich als Tatare ausgegeben hatte, war verhaftet worden. Er benützte eine Gelegenheit beim Gefängnisarzt, flüchten. Doch wurde er in der Stadt aufgegriffen und zum zweiten Male in Gefängnis eingeliefert. Hier begann sein Leidensweg. Im Gefängnis schlug man mit Gummiknüppeln und Stöcken auf ihn los. Dann warf man den Mißhandelten bewußtlos in die Zelle. Dort lag er den ganzen Tag. In der Nacht kam der Polizist, dem er entlaufen war, betrunken in die Zelle und begann die Mißhandlung von neuem. Jeder von uns saẞ zusammengekauert und mußte diese Greuel mitansehen. In der nächsten Nacht kam ein anderer Polizist, der ihn wiederum mißhandelte. Einige Tage später wurde er bei einer Säuberungsaktion zur Erschießung weggeholt.
Nach dieser Säuberung blieben mit mir noch acht Leute zurück. Wir mußten das Eigentum der Fortgeholten auf den Gang heraustragen, von wo es auf den Dachboden gebracht wurde. An dem Tage bekamen wir eine große Portion Suppe, da die Zelle fast leer war, aber vor Entsetzen konnte keiner etwas herunterbringen.
Dann brachte man in unsere Zelle einen gewissen Gedalie, der Das war ein nach der Flucht aus dem Ghetto verhaftet worden war. Bettler aus dem Ghetto von Lida. Er aẞ anfangs gar nichts und war sehr verlaust, für uns alle eine große Plage. Tagelang lag er wie erstarrt da. Später steckte man noch einen einarmigen polnischen Bauern und einen Kirgisen herein. Die Polen wollten diese zwei Leute in ihrer Zelle nicht haben.
Um sieben Uhr abends wurde vom Gang aus das Licht in der Zelle gelöscht; um sechs Uhr morgens ging es wieder an, das Signal zum Aufstehen. Es war in der zweiten Hälfte des Dezembers. Der Frost erreichte dreißig Grad. Die Fenster waren fest zugefroren, die Decke dick mit Eis bedeckt. Den ganzen Tag saßen wir in unseren Mänteln um den einzigen Heizkörper der Zentralheizung in unserer Zelle. In der Nacht schliefen wir nicht, sondern saßen um den Heizkörper herum,
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