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Geopfertes Volk : der Untergang des polnischen Judentums / M. Chersztein ; deutsche Übertragung von Jolanta Münch
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In Wirklichkeit betrug die Portion nie mehr als 150-180 g, dazu heißes Wasser und einen Liter Wassersuppe zum Mittag. Man schlief auf Holzpritschen. Die Behandlung war fürchterlich. Für jede Kleinigkeit schlugen die Polizisten mit Gummiknüppeln. Nur zu bestimmten Stunden durfte der Abort benutzt werden, und oftmals wand man sich vor Schmerzen. Auf den Hof durften wir, wenn schönes Wetter war und die Polizei bei guter Laune. Ein Bad gab es einmal im Laufe vieler Wochen. Ich schloß mit einer Frau Bekanntschaft, die in der Küche ar­beitete und bekam bei Gelegenheit manchmal mehr Suppe. Zwar be­kamen einige Ortsansässige Pakete, aber die Hungrigen rissen ihnen den Inhalt buchstäblich aus den Händen. Kartoffelschalen wurden zum größten Schatz. Mit mir zusammen saß in der Zelle ein gewisser Jezierski, ein jüdischer Schmied aus Lida, ein sehr netter Mensch. Er war zu drei Monaten verurteilt, aber ich weiß nicht, durch welch ein Wunder ich die Zelle noch vor ihm verlassen konnte. Die erste Nacht der Freiheit verbrachte ich in seinem Hause.

Man brachte immer mehr Opfer, Flüchtlinge aus dem Ghetto, so daß die Zelle gedrängt voll wurde und die Luft darin stickig heiß, trotzdem draußen Frost herrschte.

Eines Tages brachte man die Familie Weiland aus Lodz , Vater, Mutter und Tochter, die angeklagt waren, sich durch arische Papiere der Verfolgung entzogen zu haben. Weiland war getauft; in der Nacht kniete er nieder und betete. Er war ein sehr begabter Mensch, einer der bekanntesten Ingenieure der Spinnstoffindustrie in Lodz . Ihn traf dasselbe Schicksal wie alle andern.

Eines Tages meldete ich mich beim Wachhabenden, daß ich Karaite sei und besonders untergebracht werden wolle. Man rief mich in die Kanzlei, zum Gefängnisdirektor. Er fragte mich, ob ich wirklich ein Karaite sei. Als ich bejahte, schlugen mich zwei Wächter mit Gummi­knüppeln, sodaß ich halb bewußtlos in die Zelle zurückgebracht werden mußte.

Nach einigen Tagen baten wir den diensttuenden Gefängniswächter, er möchte uns im Hofe spazieren gehen lassen. Er antwortete darauf: Morgen geht ihr alle spazieren." In der Nacht kam der Chef mit seinen Leuten zur Besichtigung. Kraftwagen fuhren vor. In der Zelle begann um zehn Uhr morgens Licht zu brennen. Wir wurden mit Na­men aufgerufen. So wie sie standen, mußten die Opfer den Gang hinaus, wo sie mit den Gummiknüppeln eins auf den Schädel bekamen; dann wurden sie auf den Wagen verladen und zur Erschieẞung ab­transportiert.

Wir Uebriggebliebenen hörten nur von weitem die Schreie der Frauen. Unsere Zelle war leer geworden. Wenige waren zurückge­blieben, aber bald kamen neue Gefährten. Vor der Hinrichtung hatten russische Gefangene Gruben für die Opfer graben müssen.

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