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Geopfertes Volk : der Untergang des polnischen Judentums / M. Chersztein ; deutsche Übertragung von Jolanta Münch
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werden. Im Gemeindeamt verhörte mich der Gemeindesekretär. Er fragte mich, ob ich Jude sei, aber ich erklärte, ich sei ein Karaite. Der Sekretär übernahm für mich die Verantwortung und meldete mich an. Er hieß mich noch, mich der Polizei zu melden. Froh und glücklich darüber, ging ich durch Schnee und Schlamm zurück. Ich kam in das Haus des Schulzen- Stellvertreters, aber er schlug es mir glattweg ab, mich noch weiter aufzunehmen. Er hatte gehört, daß man von mir als von einem Juden sprach, und nun war er verändert. Er verprügelte noch in der Nacht seine Tochter, die gesagt hatte, daß er einen Juden be­herberge. Am Morgen hieß er mich gehen. Zwar stellte er mir Zettel zur Uebernachtung aus, denn ich war angemeldet, aber die Leute nahmen mich ungern auf. Es begann ein ruheloses Umherirren für mich. Endlich fand ich Arbeit bei einem Bauern, wo ein Brunnen gegraben werden sollte.

Als ich dort in der Hütte saß, trat eines Tages ein polnischer Polizist aus Trakiels an mich heran, nahm mir meinen Ausweis weg, nannte mich einen Juden, verhaftete mich und brachte mich ins Städtchen Trakiele zur Polizei. In Trakiele verlangte man von mir ein Dokument, das mich als Karaite ausweisen könnte, aber ich hatte keines. Infolge­dessen schickte man mich nach Lida mit dem Troste, daß ich dort freigelassen werden könnte. Nach zweitägigem Arrest schickte man mich dort von der Gendarmerie zur Gestapo . Ich dachte: Jetzt ist es aus mit mir...." Der Chef der Polizei, ein SS- Offizier, setzte mir den Revolver an die Stirn und erklärte, daß er mich auf der Stelle erschießen würde, wenn ich nicht Deutsch spräche. Also sprach ich Deutsch . Dann hielt er meinen Ausweis gegen das Licht, untersuchte ihn, aber merkte nichts von der Fälschung. Ich wurde gefesselt und hinausgeführt, ich glaubte schon, zum Erschießen und wunderte mich, daß man mich ins Gefängnis von Lida, 60 Kilometer von Wilna, brachte. Trotz meiner Behauptung, ich sei Karaite, steckte man mich in die sogenannte jüdische Zelle". Hier traf ich einen Freund aus dem Ghetto, der schon früher ge­flohen war.

Anfangs konnte man noch zum Fenster hinaussehen und mit den vorübergehenden Juden sprechen. Damals wurde das Ghetto in Lida errichtet und den Leuten einige Tage Zeit zum Umzug gelassen. Später wurden die Gefängnisfenster mit Blech vernagelt. Es wurde immer schwieriger, mit jemanden in Verbindung zu kommen, immer seltener fing man Neuigkeiten aus der Stadt auf.

Am Tage vor meiner Verhaftung hatte man eine ganze Gruppe zum Erschießen herausgeholt. Immer neue Häftlinge kamen in die Zelle, darunter ein jüdischer Advokat, der falsche Papiere hatte, andere waren als Schmuggler verhaftet worden; die meisten aber waren Flüchtlinge aus dem Wilnaer Ghetto. In unserer Zelle hungerten wir. Es gab nur einen Laib Brot( 1,5 kg) für sieben Personen.

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