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Geopfertes Volk : der Untergang des polnischen Judentums / M. Chersztein ; deutsche Übertragung von Jolanta Münch
Entstehung
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FLUCHT AUS DEM GHETTO

NACH DEN ERINNERUNGEN DES VERFASSERS

In meiner verzweifelten Lage fing ich an, darüber nachzudenken, wie ich aus dem Ghetto herauskommen könnte. Ich verfiel auf die Idee, meinen Paẞ zu fälschen und mich als Karait auszugeben. Ich nützte dazu mein Krankenkassenbuch aus. Es enthielt mein Licht­bild mit dem Stempel der Krankenkasse und eine Personalbeschreibung, ohne Konfessionsangabe. Ich ging zu einer Bekannten und bat sie, an meinem Namen die Endsilbe-ski anzufügen und Moses in Mieczyslaw umzuändern. Die Änderung war vom Original nicht zu unterscheiden, so wunderbar war sie gelungen, obwohl wir keinen Radiergummi hatten und mit dem Messer schaben mußten. Diese gelungene Fälschung ent­schied den Plan. Ich zog einige Hemden übereinander an, verabschie­dete mich von meiner Familie und ging, ein kleines Paket in der Hand, zum Ghettotor.

Es war noch dunkel. Eine Arbeiterschar wurde zur Arbeit heraus­gelassen. Ich steckte das Judenabzeichen an und mischte mich unter sie. Als wir draußen waren, nahm ich das Abzeichen herunter und verschwand seitwärts. Die Mütze weit ins Gesicht gerückt, ging ich durch die nächsten Dörfer: Groß- und Klein- Jasiuny, Benjakoni. Ich ging schnell, ohne mir viel Ruhepausen zu gönnen. An diesem Tage machte ich ungefähr 60 Kilometer. So weit wie möglich wollte ich nach Weiß­ ruẞland hinein. Unterwegs wurde ich erkannt, von guten Menschen jedoch belehrt, wie ich mich weiter verhalten sollte. In Benjakoni begegnete mir ein litauischer Polizist, aber er ging an mir vorbei, ohne mich zu beachten. Wenn er mich angehalten hätte, wäre ich sofort nie­dergeschossen worden. Ich begriff die Gefahr, die mir auf jedem Schritt drohte. Einmal rief man mich an, aber ich wandte mich nicht um, sondern marschierte weiter. An einem Abend schoß ein litauischer Gen­darm hinter mir her, aber ich konnte ins nächste Gebüsch flüchten. Über Feld- und Wald- Wegen kam ich an eine Bauernhütte, wo man mir zu essen gab und mich übernachten ließ. Am Morgen ging ich weiter. So irrte ich tagsüber in der Gegend umher und kehrte zum Mittagessen und zum Schlafen in den Bauernhütten ein.

Das Wetter war für mich ungünstig: ein kalter, scharfer Wind und Regen machte meine Lage unhaltbar. Nach langem Herumirren trat ich in das erste Haus irgendeines Dorfes. Dort wohnte der Stellvertreter des Schulzen, ein Pole. Zwei Tage blieb ich bei ihm, dann ging ich in die Gemeinde Lipniszki, um mich anzumelden. Unterwegs erfuhr ich von den Bestialitäten der Litauer in Waranow, die in der Nacht dort­hin gekommen waren und wo dreihundert Einwohner des Wilnaer Ghettos nachts bei Frost aufs Feld gejagt wurden, um erschossen zu

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