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Geopfertes Volk : der Untergang des polnischen Judentums / M. Chersztein ; deutsche Übertragung von Jolanta Münch
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zusammen und jagte die Gefundenen in Gruppen vor sich her nach Ponary, zum Erschießen. Noch bevor die Pfeife ertönte, kamen schon einzelne Familien von Facharbeitern zurück. Noch im Versteck hörten wir den entsetzlichen Aufschrei einer Frau: Wo ist meine Mutter?" Erst als alle unsere registrierten Nachbarn zurückgekommen waren, öffneten sie uns den Ausgang. Dann wurden den Wenigen, die als Nichtregistrierte der Vernichtung entgangen waren, die Lebensmittelkar­ten entzogen, denn offiziell waren wir ja tot. Das Kahal durfte nicht eingestehen, daß wir lebten, denn es wäre für das Verbergen zur Ver­antwortung gezogen worden. Wir erhielten keine Arbeit. Einige Tage irrten wir umher, ohne einen Ausweg zu finden. Inzwischen fing man an, das zweite Ghetto fast bis zum letzten Mann auszuräumen. Alles ging nach Ponary.

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Nach dieser riesigen Aktion fing das Leben im ersten Ghetto an, in geregelte Bahnen zurückzukehren. Es gab eine zeitweilige Entspan­nung der Lage. Die Bevölkerung wohnte in den Wohnblocks der Fach­arbeiter. Längere Zeit gab es keine Massenaktionen.

Aus der ganzen Gegend brachte man die jüdische Bevölkerung ins Wilnaer Ghetto. Dieser Zustand dauerte bis 1943. Trotzdem die Lebensbedingungen im Ghetto im gewissen Grade normal geworden waren, spielten sich unaufhörlich einzelne Tragödien ab, die man un­möglich aufzählen kann.

Schließlich wurde das Ghetto vollkommen liquidiert. Es fing damit an, daß fünftausend junge Leute zur Arbeit nach Kowno angefordert wurden. Man holte sie ab, aber anstatt nach Kowno , brachte man sie nach Ponary zur Erschieẞung.

Immer wieder fing man junge Leute zur Arbeit ein. Zur Hilfe nahm man Esten und Letten. Die Gestapo machte Haussuchungen und legte sogar unter die Häuser Minen, damit sich niemand darin verbergen konnte. Schließlich, ungefähr am 22. September 1943, brachte man alle auf den Friedhof von Rossa. Dort sortierte man sie und trennte die Männer von den Frauen mit den Kindern. Die Jungens schickte man in Konzentrationslager, die übrigen wurden in Waggons verladen und nach Malkinia gebracht, wo die Mordanlage war. Auf diese Art wurde das Ghetto endgültig liquidiert.

Alle Flüchtlinge aus dem Ghetto, die sich mit arischen Papieren ver­bargen, verhaftete man und erschoß sie in der Wilnaer Gegend auf der Stelle; in Weißrußland steckte man sie ins Gefängnis von Lida.

Schließlich gab man durch die Zeitung und durch Plakatanschlag bekannt, daß derjenige, der einen Juden mit arischen Papieren anzeigt, zehntausend Mark Belohnung erhält.

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