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Geopfertes Volk : der Untergang des polnischen Judentums / M. Chersztein ; deutsche Übertragung von Jolanta Münch
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aber mit meiner Gruppe zurück und ergab mich dem Schicksal. Im Ghetto schien anfangs alles in Ordnung, nur die Reviere des J. O.-D. hat­ten Befehl erhalten, in der Nacht alle Arbeiter mit Facharbeiteraus­weisen zu registrieren. Die Registrierung dauerte die ganze Nacht. Für die Registrierten wurden Papptafeln mit einer Nummer und dem Stempel Gestapo " ausgegeben. Wir ahnten, was bevorstand, und fingen an, uns ein Versteck zu bauen, da wir keine Facharbeiterausweise hatten und infolgedessen uns nicht registrieren lassen konnten. Den Registrierten wurde gesagt, daß sie um fünf Uhr morgens mit ihren Familien zum Verlassen des Ghetto bereit sein sollten. Wir arbeiteten fieberhaft an der Maskierung unseres Schutzraums. Der Letzte, der eine Nummer hatte, schloß uns ein. Er nagelte die Türe von außen zu, so daß man nicht erkennen konnte, daß dahinter noch ein Raum war. Darin saßen etwa hundert Leute, dicht gedrängt, Männer, Frauen, Greise, Mütter, mit kleinen Kindern. Um zwölf Uhr nachts wurden wir ans Haustor gerufen und wollten schon unser Versteck verlassen. Da be­merkten wir durch unser Ausguckloch, daß litauische Polizei da war. Die, welche das Ghetto mit ihren Nummern verlassen konnten, sahen auf dem Platz vor dem Ghetto einige Abteilungen betrunkener litauischer Soldaten und errieten sofort die geplante Vernichtungsaktion. Nach einer langen und genauen Prüfung durch eine besondere Kommission der Gestapo am Ghetto- Tor ließ man sie durch und befahl ihnen, sich am nächsten Morgen um 6 Uhr wieder zu stellen. Jeder ging mit seiner Familie an seine Arbeitsstelle, um dort zu übernachten.

Die litauischen Abteilungen besetzten das Ghetto; jeder Schar wurde ein Haus zugeteilt. Alle Türen und Schlösser wurden aufge­brochen. Die Haussuchung war bis in die kleinste Einzelheit genau wie nie zuvor. Jedes lebende Wesen, das gefunden wurde, wurde ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht auf die Straße gejagt. Dort wurden Scharen gesammelt, die zum Ghettotor geführt wurden. Wir hörten, wie in den Nachbarhäusern Haussuchung gehalten wurde, dann näherte sich der Lärm, wir hörten ihn aus den Nachbarwohnungen.

Haussuchung bei uns im Haus! Wir hörten, wie die Türen der Zimmer, der Schränke mit Krachen aufsprangen, wie die Schlösser knarr­ten. Wir saßen etwa sechs Stunden, ohne uns zu rühren, ja, ohne einen Atemzug zu wagen, ohne ein Glied zu bewegen. Selbst die Kinder waren totenstill fast ein Wunder daß keines anfing zu weinen. Keiner

hüstelte.

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Wir hörten, wie man die Leute fand, die sich im gegenüberliegenden Flügel des Hauses versteckt hatten. Die Schreie des Entsetzens ließen unser Blut in den Adern erstarren. Als die Haussuchung sich unserer Türe näherte, hörten wir das Pfeifen, das den Abschluß des Vernich­tungswerkes anzeigte. Alle Wohnungen den Ghettos waren von Men­schen geräumt. Die litauische Gendarmerie schloß sich zu Abteilungen

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