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Geopfertes Volk : der Untergang des polnischen Judentums / M. Chersztein ; deutsche Übertragung von Jolanta Münch
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gewaltsam in alle Wohnungen ein und holten sehr viel Menschen weg. Sie nahmen auch alle Ältesten aus der Synagoge des WilnaerGaons mit.

Wir hörten Gerüchte, daß aus dem zweiten Ghetto größe Transporte nach Ponary abgingen. Bei Ponary lagen große Wälder, in denen von den Deutschen lange, tiefe Gräben vorbereitet waren. Dorthin wurde die Bevölkerung des Wilnaer Ghettos in Massen zum Erıschießen ge- bracht. In der Nähe hörte man Tag und Nacht das Geknatter der Maschinengewehre. Die Gräben wurden zum Massengrab von Zehn- tausenden von Opfern aus dem Wilnaer Ghetto. Zu dieser Zeit sollten alle Facharbeiter aus dem zweiten Ghetto ins erste umziehen. Um für die Platz zu machen, wurde die Bevölkerung wiederum aufgefordert, ins zweite Ghetto zu gehen. Als das nicht halt, trieb die jüdische Polizei die Bevölkerung auf brutale Art ins zweite Ghetto.

Unsere Arbeitsausweise liefen ab. Man fing an, neue Ausweise in sehr beschränkter Anzahl, auf besonderen Formularen für Facharbeiter, auszugeben, die vomÄrbeitsamt bestätigt waren. Auf unsere ganze Gruppe, die aus neunhundert Leuten bestand, entfielen nur 120 Aus- weise. Für das ganze Ghetto wurden nur etwa 3000 Ausweise aus- gegeben.

Das Kahal fing an, die benötigten Fachleute zu registrieren und stellte ihnen die Ausweise aus, aber es standen nur wenige Formulare zur Verfügung. Man fing in unserer Gruppe an, große Summen Geld für die Ausstellung der Ausweise zu sammeln.-

Jeder wollte sich retten und sich irgendwie schützen. Infolge von Machenschaften der Leiter bekamen wir keine weiteren Ausweise. Nur die bekamen einen, die am meisten bezahlt hatten. Zugleich wurden alle alten Ausweise für ungültig erklärt.

Es kam das Fest desJom-Kipur heran. Mit schwerem Herzen ver- sammelten sich die Juden in der Synagoge, um sich an Gott um Hilfe zu wenden. Es war ein ungewöhnlich feierlicher Abend. Die Menschen ahnten, daß sie dies Fest zum letzten Male erleben durften und beteten aus ganzem Herzen. 3

Auch an diesem Feiertage waren die Männer zur Arbeit gegangen. Als sie des Abends zurückkehrten, hatten inzwischen die Frauen das Nachtmahl vorbereitet. Man kam aber nicht dazu, es in Ruhe zu beendigen, denn schon hörte man die Schreie der Ftauen:Die Litauer sind im Ghetto! An diesem Tage kam es zu einem der größten Ab- transporte, die das Ghetto je erlebt hatte. Wer nichtin die Erde ver- sinken konnte, sich irgendwie gut verstecken, wurde fortgeholt. Noch während der Arbeitszeit sagten uns Polen :Kehrt nicht ins Ghetto zu- rück, denn man holt die Leute heraus!Wir hatten aber keinen anderen Ausweg, denn wir konnten uns nirgends verbergen. Mir schlug sogar eine Polin vor, des Abends zu kommen und sich bei ihr zu verstecken, trotzdem sie sich vor ihrem Mann und den Nachbarn fürchtete. Ich kehrte

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