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Geopfertes Volk : der Untergang des polnischen Judentums / M. Chersztein ; deutsche Übertragung von Jolanta Münch
Entstehung
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wande einer Säuberungsaktion einen großen Transport Menschen weg. Wohin sie gebracht wurden, blieb unbekannt, wahrscheinlich nach Ponary, um dort in die Erde befördert zu werden.

Längere Zeit ging ich täglich aus dem Ghetto mit meiner Gruppe zur Arbeit nach den alten Forts des Pulvermagazins in Burbischki und Schnipischki; dort waren Filialen der Baustelle. Jeden Morgen holten uns Wachmannschaften ab, begleiteten uns zur Arbeit und brachten uns nach der Arbeit wieder zurück. In Schnipischki war ich längere Zeit Pförtner beim Eingang. Ich benutzte die Mittagspausen oder sonstige freie Augenblicke dazu, um Einkäufe zu besorgen. Zu diesem Zwecke rannte man in die nächst gelegenen polnischen Hütten. Man kaufte Brot, Käse, Gurken, Tomaten, Kartoffeln usw. zu ziemlich hohem Preis. Manche Polinnen kamen sogar weinend zu den früheren Eigentümern ihrer Gärten, sprachen mit ihnen durchs Gitter, bemitleideten sie und brachten ihren früheren Wirten etwas zum Essen.

Nach der Arbeit kehrte man mit seinen Einkäufen heim. Mit den Wachmannschaften wurde man langsam bekannt und sie erlaubten es, etwas einzukaufen. Eines Tages jedoch, als wir von der Arbeit zurück­kamen, sahen wir, daß das Tor von der Gestapo besetzt war und jeder wurde kontrolliert, ob er keine Pakete bei sich hatte. Man nahm allen die Pakete fort, warf den Inhalt auf die Erde und prügelte diese Leute auf bestialische Weise. Von da ab konnte man nichts mehr ins Ghetto mit hineinnehmen, da jedesmal kontrolliert wurde. Die Not wuchs daraufhin fürchterlich. Diejenigen, die nicht zur Arbeit gingen, waren dem Hungertode ausgesetzt. Es wiederholte sich immer öfter, daß Leute auf der Straße zusammenbrachen. Das Krankenhaus war mit Kranken überfüllt, von denen ein großer Prozentsatz starb. Das Begräbnis ging auf folgende Weise vor sich: Es wurden rasch Kisten zusammengenagelt, in die man die Leichen legte. Bis zu zehn solcher Kisten wurden auf einem Wagen übereinander gestellt und zum Ghetto hinausgefahren.

Eines Tages kam der Befehl, die Greise auszuliefern. Söhne und Töchter mußten ihre alten Eltern auf die Straße vor die Häuser bringen, wo sie zum Erschießen gesammelt wurden.

Immer mehr Menschen wurden weggeholt. Schließlich kamen die Deutschen und Litauer selbst, um ungelernte Arbeiter zu suchen. Unter der Führung der jüdischen Polizei durchsuchten sie fast alle Woh­nungen und nahmen den Rest mit. Eines Nachts um 12 Uhr hörte man plötzlich den Ruf: Alles zum Ghetto- Tor!" Aber das war nur eine List, denn schon war die Gestapo im Ghetto und hielt gründlich Haus­suchung. Alles stand in den Wohnungen und hielt den Atem an, zum Fortgehen bereit. Die Tür des Zimmers, in dem sich außer mir noch einige Leute verborgen hatten, war von uns so maskiert worden, daß sie bei der Haussuchung von den Polizisten übersehen wurde. Während dieser Haussuchung brachen die Litauer alle Schlösser auf, drangen

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