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Geopfertes Volk : der Untergang des polnischen Judentums / M. Chersztein ; deutsche Übertragung von Jolanta Münch
Entstehung
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In den ersten Tagen hielten Deutsche und Litauer viele Haus­suchungen im Ghetto ab und beschlagnahmten die letzten wertvollen Sachen und Schmuck. Um Brot zu kaufen, stand man jedoch nicht mehr Schlange, jedes Haus hatte sein Komitee, das für alle Einwohner die Lebensmittel besorgte.

Die Wohnungsverhältnisse waren fürchterlich. Jeden Abend waren die Fußböden der Wohnungen, der Gänge und Treppenhäuser mit Schlafenden kreuz und quer bedeckt. Während der ganzen Nacht hielten am Haustor zwei Einwohner Wache, die die Schlüssel zum Haus­tor bei sich hatten und alle zwei Stunden abgelöst wurden. Infolge der Übervölkerung füllten sich die Abortgruben in kurzer Zeit und konnten nicht geleert werden.

Von 6 Uhr morgens an verließen die Einwohner, welche zur Arbeit gingen, vorwiegend Männer, das Ghetto durch das Rudnicka- Tor. Zu Tausenden sammelten sich die Gruppen, nach den Arbeitsstellen ge­ordnet, und warteten in der Reihe, bis die Militärbegleitung kam und sie zum Tor hinausführte.

Nachdem das Ghetto geschaffen war, unternahmen die Deutschen In gewissen Massenaktionen, um die Bewohnerzahl zu verringern. Zeitabständen verlangten sie die Auslieferung von einigen Tausend Da sich nie die Personen ohne Angabe des Grundes oder Zieles. geforderte Anzahl stellte, drang die Gestapo mit litauischem Militär ins Ghetto ein, umstellte einzelne Häuser und holte aus ihnen alle Einwohner weg. Bei solchen Aktionen wurden jedesmal drei bis sechs Tausend Einwohner mitgenommen. Da sich dies immer häuifger wieder­holte, zogen die Facharbeiter, die zusammen an einer Arbeitsstelle be­schäftigt waren, alle zusammen in einen Wohnblock. Am Haustor wurde dann ein Schild angebracht mit der Bestätigung der militärischen Dienst­stelle, für welche die betreffenden Leute arbeiteten, daß die Einwoh­ner dieses Hauses für das Militär beschäftigt sind, damit das litauische Militär in der Nacht diese Häuser in Ruhe ließ.

Die Ärzte und Sanitäter des jüdischen Krankenhauses hatten eben­falls ihren Wohnblock. Wenn entdeckt wurde, daß sich in einem solchen Wohnblock eine Person aufhielt, die dazu nicht berechtigt war, konnten alle Einwohner erschossen werden. So waren alle Beschäftigten in Blocks zusammengefaßt, der Rest wohnte in fürchterlichster Enge, stets von Ver­haftung bedroht. In dem Maße, wie man die ungelernten Arbeiter heraus­holte, verwandelte sich das erste Ghetto in eine Facharbeiter- Kaserne und das zweite Ghetto wurde zum Wohnort der übrigen jüdischen Be­völkerung. Dann kam die Verordnung heraus, daß alle ungelernten Arbeiter freiwillig in das zweite Ghetto überzusiedeln hatten. Ein Teil der Bevölkerung aber blieb im ersten Ghetto, um der drohenden Gefahr zu entgehen. Daraufhin holte die Polizei und das Militär unter dem Vor­

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